Interview mit Olaf Rauch zur Absage der urbEXPO in Leipzig

Wie wir berichteten, hat der Veranstalter die urbEXPO, die im Zeitraum vom 01. bis 10. Mai 2015 im Abfertigungsgebäude des Flughafens Mockau in Leipzig stattfinden sollte, abgesagt. Diese soll nun im kommenden Jahr realisiert werden. Wir haben Olaf Rauch bei einem Interview zu den Gründen befragt.

rottenplaces: In diesem Jahr sollte die urbEXPO neben der Traditionsveranstaltung in der Rotunde in Bochum zum ersten Mal in Leipzig stattfinden. Wie kam es zu dieser Idee?

Rauch: Durch meine eigenen Ausstellungsaktivitäten und natürlich durch Netzwerke wie Facebook und Co. Bestanden schon lange viele bundesweite und internationale Kontakte, die natürlich auch zur urbEXPO eingeladen wurden. Wir haben von Beginn an viele E-Mails bekommen, ob die urbEXPO nicht auch außerhalb des Ruhrgebiets stattfinden könnte, da für viele Interessenten der Weg nach Bochum zu weit war. Seit der urbEXPO 2013 reifte der Gedanke, die Veranstaltung auch an anderen Standorten umzusetzen. Intern haben wir bereits seit Herbst 2013 recherchiert, welche Städte in Frage kommen würden. Da bereits Kontakte zu Kulturschaffenden in Leipzig bestanden, fiel die Wahl schnell auf Leipzig.

rottenplaces: Das Orga-Team hat sich in der Messestadt einige in Frage kommende Veranstaltungsorte angeschaut. Dann fiel die Entscheidung für den alten Tower in Leipzig-Mockau – warum?

Rauch: Ein wesentlicher Bestandteil des urbEXPO-Konzepts besteht darin, dass der Veranstaltungsort die Atmosphäre eines Lost Places widerspiegeln soll. Hinzu kommen weitere Aspekte wie entsprechend großzügige Ausstellungsmöglichkeiten/ -räume und eine verkehrsgünstige und/oder zentrale Lage – das schränkt die Auswahl natürlich schon deutlich ein. Ehrlich gesagt war unsere erste Wahl der Sowjetische Pavillon auf dem Gelände der Alten Messe Leipzig. Durch Enno Seifried von „Geschichten hinter vergessenen Mauern“ kam der Kontakt zum Eigentümer zustande. Bereits im Vorfeld der urbEXPO 2014 bin ich nach Leipzig geflogen und habe mich mit den Verantwortlichen getroffen. Da der Sowjetische Pavillon seit Anfang 2015 langfristig vermietet ist, wurde uns von der WEP, die die Objekte der Alten Messe verwaltet, eine Messehalle angeboten. Leider stellte sich heraus, dass auch die Messehalle nicht zur Verfügung stehen würde, da es durch das undichte Dach hereinregnete. Grundsätzlich war die Stimmung in Leipzig jedoch sehr freundlich und offen gegenüber der Idee der urbEXPO, so dass wir die Stadt weiterhin im Visier hatten. Über rottenplaces kam dann der Kontakt zum Flughafen Mockau zustande. Die Geschichte des Gebäudes, die Größe und die Lage passten perfekt.

rottenplaces: Leipzig ist und wäre ein mutiger Schritt gewesen: Wie war die Resonanz des Eigentümers auf die Visionen, die urbEXPO in einem historisch bedeutsamen Flughafengebäude zu realisieren?

Rauch: Zunächst haben wir das Konzept und die Idee der urbEXPO dem Eigentümer über dessen Pressesprecherin vorgestellt. Nachdem die grundlegenden Fragen bereits im Vorfeld geklärt waren, sind Roswitha Schmid und ich Anfang Dezember 2014 nach Leipzig gereist, um uns den geplanten Veranstaltungsort anzusehen und uns mit dem Eigentümer und seiner Pressesprecherin zu treffen. Es herrschte eine sehr offene und freundliche Atmosphäre und wir waren uns schnell einig, dass eine urbEXPO im Flughafen Mockau für alle Seiten interessant ist. Für uns, weil wir einen tollen Ort mietfrei für die urbEXPO gewinnen konnten, aber auch der Eigentümer hat sofort verstanden, dass die urbEXPO in seinem Objekt auch Vorteile für ihn hat: Das Objekt ist im Gespräch und wird für Investoren attraktiver – im Prinzip die Win-Win-Situation einer Zwischennutzng, nur eben ein bisschen größer.

rottenplaces: Als Veranstalter geht man organisatorisch durchdacht, aber mit viel Motivation in die Planung. Hättest du dir zu Anfang vorstellen können, dass die Veranstaltung an den Behörden scheitern könnte?

Rauch: Nein! Es war klar, dass die Veranstaltung von der Stadt Leipzig genehmigt werden müsste, da der Flughafen Mockau nicht über eine Rahmenvereinbarung mit der Stadt verfügte – so wie es bei der Rotunde in Bochum inzwischen der Fall ist. Dort musste früher zwar auch jede Veranstaltung einzeln genehmigt werden, aber wir hatten mit den offiziellen Schritten nie etwas zu tun. Deshalb bin davon ausgegangen, dass die Veranstaltungsgenehmigung nur eine Formsache ist und vielleicht ein paar Euro kostet. Ehrlich gesagt hätten wir uns nie vorstellen können, was da letztendlich auf uns zukam. Roswitha Schmid aus dem urbEXPO-Team hatte da von Anfang an Bedenken, aber so ist bei uns die Rollenverteilung: Sie eher skeptisch und ich der Idealist, aber das macht unsere Zusammenarbeit auch irgendwie aus. Das ergänzt sich schon gut.

rottenplaces: Die Veranstaltung wurde aufgrund von fehlenden Notausgängen, fehlenden Gebäude-/Bauplänen und dem daraus resultierenden erforderlichen Bauantrag gecancelt. Wie genau und im Detail kann man sich das vorstellen?

Rauch: Wir haben die Stadt Leipzig direkt nach unserem Meeting mit dem Eigentümer über unsere Pläne informiert und erhielten die entsprechenden Formulare zum Bauantrag. Auch wenn es nur ein vereinfachter Bauantrag war, wurden uns die Tragweite und die Aufwände damit erst klar, nachdem wir Kontakt mit dem Architekten des Eigentümers aufgenommen hatten. Da der Flughafen Mockau im Prinzip ein leerstehendes Gebäude und nicht im Sinne der Veranstaltungsstättenverordnung zugelassen ist, bedeutete der Bauantrag letztendlich das volle Programm für Sonderbauten – sozusagen die Königsklasse der Genehmigungen in jeder Hinsicht. Quasi alles muss komplett neu genehmigt und offiziell abgenommen werden. Im Einzelnen heißt das die komplette Neuzeichnung der Baupläne inklusive Veranstaltungsflächen, Brandschutz- und Rettungswegkonzept, Wärme- und Schallschutzgutachten. Selbstredend, dass die jeweiligen Entwürfe von Experten gefertigt und unabhängigen Gutachtern abgenommen und genehmigt werden müssen – insgesamt ein Kostenfaktor im gehobenen fünfstelligen Bereich.

Ende Februar waren Roswitha Schmid und ich erneut vor Ort in Leipzig, wo wir uns auch mit dem Architekten getroffen haben, der zwischenzeitlich mit den Verantwortlichen der Stadt Leipzig gesprochen hatte. Dort zeichnete sich ab, dass der offizielle Weg über den Bauantrag die Veranstaltung zum geplanten Termin Anfang Mai gefährden würde – nicht nur finanziell, sondern auch im Hinblick auf die Zeitplanung, da auch Bauanträge unter Wohlwollen der Sachbearbeiter mindestens vier Wochen Bearbeitungszeit erfordern. Nach einem weiteren Gespräch des Architekten mit den Verantwortlichen der Stadt Leipzig war klar, dass eine stillschweigende Duldung der urbEXPO konsequent abgelehnt würde. Bei einer stillschweigenden Duldung – d.h. die Stadt weiß, dass die Veranstaltung offiziell nicht genehmigt ist, aber sie verhindert sie auch nicht – war klar, dass wir schweren Herzens die urbEXPO Leipzig verschieben müssen.

rottenplaces: Welchen Aufwand – auch aus finanzieller Sicht – hätte die Umsetzung der Auflagen zur Folge gehabt?

Rauch: Allein die Aufwände des Architekten hätten sich auf circa zehn Tage belaufen. Obwohl er uns in Sachen Honorar entgegenkommend zeigte, hätten die Kosten für zwingend erforderliche Baumaßnahmen und vor allem für die Gutachten zur Abnahme zwischen 3000 und 5000 Euro gelegen – vorausgesetzt, wir hätten eine Lösung für die Kosten des Architekten gefunden. Den Partnern vor Ort können wir wirklich keine Vorwürfe machen, dass sie nicht alles versucht hätten: Es gab sogar die fantastisch klingende, aber realisierbare Idee, Rettungswege aus dem ersten Stock mit Hilfe einer Gangway des Flughafens Leipzig/ Halle bereitzustellen. Entscheidend für die Terminverschiebung war letztendlich jedoch der Faktor Zeit – auch wenn die hohen unvorhergesehenen/ unvorhersehbaren Zusatzkosten durch den Bauantrag auch durch zusätzliche Sponsoren hätten abgefangen worden werden, da im Vorfeld nicht abzusehen ist, ob und welche eventuell zusätzlichen Auflagen mit der Genehmigung des Bauantrags verbunden wären.

rottenplaces: Hättest du dir mehr Engagement/ Entgegenkommen oder Lösungstheorien seitens der Behörden gewünscht?

Rauch: Natürlich – schon allein im Interesse der urbEXPO und der beteiligten Künstler. Insgesamt kann man aber sagen, dass die Mitarbeiter der Stadt Leipzig grundsätzlich kooperationsbereit erschienen. Eine Duldung der urbEXPO wäre für uns der beste Weg gewesen, aber ich denke, dass spätestens seit der tragischen Katastrophe bei der Love Parade in Duisburg 2010 die entsprechenden Stellen aus verständlichen Gründen lieber auf Nummer Sicher gehen.

rottenplaces: Die „Worst-Case-Bestimmungen“ sind nach diversen Katastrophen oder Geschehnissen der Vergangenheit enorm angezogen worden. Findest du das am Beispiel des Stattfinden der urbEXPO im Flughafengebäude angemessen?

Rauch: Ja und Nein! Ich denke, das Brandrisiko und die damit verbundene Thematik der Rettungswege und -konzepte wären äußerst unwahrscheinlich gewesen, aber ein Restrisiko bleibt. Von daher können wir verstehen, dass in gewisser Hinsicht Dienst nach Vorschrift gemacht wird. Wir wollten auch nicht in der Haut der Veranwortlichen stecken, wenn bei einer Duldung der urbEXPO in Leipzig wider Erwarten doch was passiert wäre. Und uns ginge es dann auch nicht gut: Schließlich wollen wir, dass die Besucher der urbEXPO die Ausstellung unbeschwert genießen können.

rottenplaces: Was würdest du nach all diesen aktuellen Erfahrungen heute anders machen, wenn du wieder bei Null anfangen müsstest?

Rauch: Wir fangen mit der urbEXPO – weder in Bochum noch sonst wo – bei Null an. Das allein ist schon positiv. Die Aspekte, die jetzt letztendlich Leipzig verhindert haben, werden wir in Zukunft auf dem Schirm haben. Von daher können wir die bisherigen Leipziger Erfahrungen unter Lehrgeld abhaken. Vor kurzem erhielt ich die Anfrage, ob ich einen Lost Places in Bochum mit einer Ausstellung bespielen wolle; der Ort wäre auch ein potentieller Kandidat für eine urbEXPO. Ich antwortete, dass ich das gerne mache, solange ich keine Bauanträge stellen müsse. Wir haben in diesem Punkt also unsere Lektion gelernt.

rottenplaces: Welche realistischen Chancen gibt es zur Realisierung der Fotografieausstellung im nächsten Jahr in der Messestadt?

Rauch: Einige Bewerber haben uns gefragt, ob die urbEXPO Leipzig nicht an einem anderen Ort in Leipzig stattfinden könne. Das steht für uns aber nicht zur Debatte. Wir stehen noch immer in engem Kontakt zu den Verantwortlichen des Flughafen Mockaus und es ist immer noch das erklärten Ziel, die urbEXPO genau dort zu realisieren. Es gibt auch seitens des Eigentümers und seinem Umfeld Ideen, das Objekt zukünftig für kulturelle Veranstaltungen zu nutzen. Wir sind weiterhin in Kontakt und unterstützen deren Pläne auch gerne mit unseren Kontakten. Genaueres kann und möchte ich derzeit nicht dazu sagen. Aber wenn in Mockau in naher Zukunft Veranstaltungen stattfinden, ist das Prozedere des Bauantrags ebenfalls erforderlich und erfolgt nicht zu unseren Lasten.

Für die urbEXPO bedeutet das, dass dann die komplette Hürde des Bauantrags vom Tisch sind und der urbEXPO Leipzig nichts Wesentliches im Wege steht. Allerdings halten wir die Umsetzung der urbEXPO Leipzig eher für das Frühjahr 2016 für realistisch. Wir wollen uns da auch nicht selbst künstlich unter Druck setzen. Die aktuelle Terminverschiebung ist uns nicht leicht gefallen; deshalb wollen wir bei dem neuen Termin auf Nummer Sicher gehen.

Wir danken Olaf Rauch für das Interview.
Das Interview führte André Winternitz

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