In Chile lauert der Tod

Foto: Myriad

Gewiss, Chile ist ein traumhaftes Land, und gerade die Verbindung aus seiner atemberaubenden Natur und dem einem ständig begegnenden Tod erschafft eine seltene, doch anziehende Mixtur. Die Animitas -eine Gedenkstätte, die an ein tragisches Ereignis im öffentlichen Raum gemahnt- findet man auf den großen Verkehrsstrassen Chiles überall. Von Süden bis Norden sind es tausende, kleine bis mehrere Meter groß, fast zerfallen bis gerade erst aufgestellt, schlicht bis kreativ und überladen.

Im Norden liegt die Atacama-Wüste. Sie ist einer der trockensten Wüsten der Welt und fährt man auf den sie durchziehenden Straßen, erblickt man alle paar Kilometer ein totes Tier oder eine Animita. Und sicher stößt man auch auf verrottete Fahrzeuge, die umgedreht am Strassenrand liegen, auf ein verlassenes Dorf, oder, unweit einer bunt gescheckten Gebirgskette, auf einen über hundert Jahre alten Friedhof, direkt am Strand des leuchtend blauen Pazifischen Ozeans. Genauer gesagt waren es zwei, in ein paar Kilometern Abstand.

Als ich den ersten erblickte, hielt ich am Rand der vor Hitze flimmernden Strasse an, nahm die Kamera, sprang über eine Mauer und betrat den Friedhof, der, wie es an seiner Eingangspforte stand, im Jahre 1901 errichtet wurde. Wie in einem Film saßen auf den Resten einer zerfallenen Mauer drei Geier, die mich beobachteten -ein makaberes Gefühl- und einige der Gräber waren geöffnet. Das dahinter liegende Meer war ruhig und lautlos, nur einer der ab und dann vorbeifahrenden Trucks zerschnitt die Stille, oder einer der Plastikblumenkränze, die durch kleine Brisen an ihrem zugewiesenen Holzkreuz kratzten.

Nach einer Weile fuhr ich weiter und nach einigen Kilometern entdeckte ich einen noch imposanteren Friedhof, ebenso alt und verwahrlost und noch größer als der Erste, mit weitaus mehr Gräbern. An vielen von ihnen hingen Stofftiere und das Gestell der Gräber erinnerte an Kinderbetten oder Laufställe, was an einen Kinderfriedhof denken lies, – schauriges Schauspiel. Doch die Jahreszahlen sagten etwas anderes. Ich lief den ganzen Friedhof ab und auch hier: jeder Sarg wurde geöffnet und Grabräuber hatten ihren Dienst daran getan.

Hier blieb ich, bis mich die ungeheure Hitze vertrieb. Ich fuhr weiter gen Norden, die Berge hoch, wo Sanddünen die Strasse zunehmend verschmälerten. Der Himmel zog sich zu, erste Regentropfen prasselten auf die Scheiben, Animitas, halb vom Sand verdeckt und Symbol für drohende, vergangene und noch kommende Ereignisse, erhaschten meinen Blick während der Motor schrittweise langsamer wurde, trotz voll durchgedrückten Gaspedals und halb vollem Motor. Doch das ist eine andere Geschichte…

Fotos: Myriad

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