Hillersleben sehen und trauern

Von André Winternitz – 03. Juni 2013

Irgendwie waren sie schon alle in der Colbitz-Letzlinger Heide bei Hillersleben auf dem riesigen Areal der ehemaligen Heeresversuchsanstalt, wo die Wehrmacht um 1936 Artilleriewaffen testete und später von 1945 bis 1994 die Sowjetarmee, genauer die 47. Panzerdivision beheimatet war. Während die Einen nur kleine Abschnitte besuchten, fanden sich Andere irgendwie nicht so ganz zurecht. Anfang dieses Jahres breitete sich dann wie ein Lauffeuer die Nachricht aus, dass auf großen Teilen des Geländes ein Solarpark entstehen soll, viele Gebäude deswegen verschwinden. Ein Besuch in Hillersleben war über die Jahre immer wieder nach hinten geschoben worden und jetzt sollte alles zu spät sein? Panik machte sich breit, es musste ein Notfallplan her, um noch das zu dokumentieren, was noch nicht der Abrissbirne zum Opfer gefallen ist. Doch es sollte schlimmer kommen, als zunächst erwartet.

Beim Eintreffen vor Ort konnte man schon von Weitem erkennen, dass der Siegerplatz nahezu komplett verschwunden ist – quasi ein Drittel des Geländes. Nur das Postamt und wenige Mauerreste sind noch existent. Riesige Schutthaufen verdecken jeden weiteren Blick auf das Elend. Dort wo noch vor wenigen Monaten der verwilderte Exerzierplatz mit den umliegenden Gebäuden wie beispielsweise Sportgebäude, Kino, Geschäften, Supermarkt oder Mannschaftsunterkünften zu finden war und auch die Leninfigur achtlos im Gebüsch lag, stehen jetzt Baumaschinen und der Steinschredder, der Quadratmeter um Quadratmeter Bauschutt in neuen Baustoff verwandelt. Die nördlichen Gebäude sind weitgehend entkernt und warten ebenfalls auf ihr Ende. Langsam arbeitet sich der Bautrupp vor – Richtung jüdischem Friedhof bis hin zum Haupteingang. Es brauchte einige Zeit, um das gesamte Ausmaß zu realisieren, welches sich dem Betrachter aktuell bietet. Und obwohl ein großer Teil bereits verschwunden ist, so weitläufig ist das Gelände noch immer und ebenso viele Gebäude befinden sich (momentan) noch auf Selbigem.

Das Abbruchunternehmen hat schon ganze Arbeit geleistet
Das Abbruchunternehmen hat schon ganze Arbeit geleistet

Aufgrund einiger Sicherheitsvorkehrungen startete die Fototour unterhalb der Hillerlsleben-Siedlung. Ein schmaler Waldpfad führt direkt zum Gelände, dieses liegt rechtsseitig. Die Gebäudeteile, die das Auge nach dem idyllischen See linksseitig wahrnimmt, gehören bereits zum Truppenübungsplatz und werden noch militärisch genutzt – von einem Betreten ist also in jedem Fall abzuraten. Nach dem Abzug der Sowjetarmee übernahm die Bundeswehr das riesige Areal samt Truppenübungsplatz und richtete hier ihr Gefechtsübungszentrum für das Heer ein. Die alte Kaserne der Truppenunterkunft dient für diverse Auslandsausbildungen. Das Truppenübungslager Planken wird noch heute von nationalen und internationalen Truppenteilen als Unterkunft für seine Soldaten genutzt, dort angeschlossen sind ein moderner Instandsetzungspark und eine weitere Unterkunft. Nördlich von Hillersleben befindet sich der Leitstand des Gefechtsübungszentrums. Ein dort stationiertes Panzerbataillon fungiert regelmäßig als Übungsgegner für die verschiedenen Truppenteile.

Der erste Tag gestaltete sich entgegen den ersten Befürchtungen als entspannt, aber durchweg nass. Außenaufnahmen waren aufgrund des Wetters und den Lichtverhältnissen nur gelegentlich möglich, also galt die volle Konzentration den Innenaufnahmen. Offizierskasino, Garnisonkrankenhaus, Schulgebäude, Unterkünfte und Innenhöfe sind in einem desolaten Zustand und auch wenn sie nicht abgebrochen werden würden, nicht zu retten. Der Vandalismus, die Jahreszeiten sowie der lange Leerstand haben den Gebäuden schwer zugesetzt. Ein schlimmes Bild bot sich auch beim jüdischen Friedhof. Hier ruhen 136 namentlich Bekannte und 5 Unbekannte, ehemalige jüdische Häftlinge des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, die von den Amerikanern hierher verbracht wurden. Der idyllisch in die Natur eingebettete Friedhof wurde lange nicht mehr gepflegt, hier scheint sich nicht wirklich mehr jemand um das „Denkmal“ zu kümmern. Das Wandern zwischen den Gebäudeteilen gestaltete sich aufgrund des teilweise kniehohen und nassen Wildwuchses als äußert mühselig – das Ergebnis der Fotografien aber entschädigte für die Strapazen.

Schlimmer Zustand auf dem jüdischen Friedhof
Schlimmer Zustand auf dem jüdischen Friedhof

Neuer Tag, neues Glück – so einfach das klingt, so bewahrheitet sich dieses Sprichwort oftmals. Auf Regen folgt ja bekanntlich Sonnenschein und diesen gab es am zweiten Tag reichlich. Die typisch gelben Gebäude blitzten aus sattem Grün hervor und wirkten wie surreale Kunstwerke des Malers Bob Ross. Selbes Gelände, selber Zugang, selbe Mission – es konnte also losgehen. Keine halbe Stunde klickten die Auslöser, da schien es, als habe das „Abenteuer Dokumentation“ ein jähes Ende gefunden. Mit permanent wiederholenden Aufforderungen durch ein Megafon bat man die Fotografen „höflich“, zu ihrem Auto zurückzukehren. Nach einer guten halben Stunde ging es dann auf schnellstem Wege zurück zum Fahrzeug. Schon von Weitem bekam ein Feldjäger sein gesuchtes „Motiv“ vor den Feldstecher und die Ordnungshüter bereiteten einen Willkommensempfang am Gefährt. Die „sehr motivierten“ aber freundlichen Beamten ließen sich den Beweggrund für das Betreten des Geländes schildern und ein „Freizeitwachmann“ erklärte sich anschließend bereit, eine Privatführung zu jenen Gebäuden vorzunehmen, die noch nicht vor die Linse gekommen waren – also die ehemaligen Stallungen, Haupt-, Verpflegungs- und Offiziersgebäude, Saunabereich sowie weitere Gebäude.

Kleine Führung über das Gelände
Kleine Führung über das Gelände

Alles in allem zeigte sich wieder einmal, dass der Ton die Musik macht. Und es bewahrheitete sich erneut, dass der unbedingte Wille, eine ausführliche Dokumentation vorzunehmen, vor jeder bürokratischen Hürde siegt. Ein Tag, der negativ startete, entwickelte sich zu einem wahren Erlebnis – was vor allem am ortskundigen Guide lag, der als „Wachhabender“ ehrenamtlich für den neuen Eigentümer in unregelmäßigen Abständen patrouilliert. Dieser war sichtlich froh, sein Wissen weiterzugeben und auch selbst noch mal das ein oder andere Foto zu fertigen, von Bereichen, die er selbst noch nicht betreten hatte. Es ist traurig, mit anzusehen, was aus dem riesigen Hillersleben-Areal geworden ist und wie man es die langen Jahre über behandelt hat. Zahlreiche Projekte hätten hier realisiert werden können, viele Hillersleber waren kaufinteressiert – doch die Behörden machten all diese Pläne zunichte. Jetzt, nach Jahren des Brachliegens kommt ein Solarpark. Was für die Energiewende ein kleiner Schritt in die erneuerbare Zukunft ist, ist eine schallende Ohrfeige für die Geschichte dieses Ortes. Zumindest ein Museum soll auf dem Gelände entstehen – ob diese Pläne allerdings so wie angedacht umgesetzt werden, steht in den Sternen.

 

Geschichtliches: Hillerleben wurde während des Zweiten Weltkriegs vor allem durch Waffentests bekannt, ein Beispiel war „Dora“ („Schwerer Gustav“), das weltweit größte und aufwändigste Geschütz, das jemals im Einsatz war. Die Kanone verschoss 7 Tonnen schwere Granaten und wurde offiziell als Eisenbahngeschütz bezeichnet – obwohl sie nur kurze Gleiswege zum Aufbau und als Schießkurve benötigte, im Gegensatz zu den auf dem Schienenweg mobil eingesetzten schweren Eisenbahnkanonen.Das erste einlagige Seelenrohr wurde im Herbst 1941 auf dem Schießplatz Hillersleben auf einer Behelfslafette eingeschossen. Neben Artillerie-Geschützen testete man in Hillersleben auch Panzer, Fahrzeuge, entwickelte die mächtigen Bunkeranlagen des Westwalls und erprobte diese. Diese Tätigkeiten ließen die Anlage zu einem der Hauptspionageziele der Alliierten werden. Der Einsatz des Dorageschützes in der Schlacht um Sewastopol, welcher der einzige Einsatz dieser Waffe blieb, wurde vom NS-Regime zur Propaganda, insbesondere durch Berichte der Propagandatruppe (PK), genutzt.

Vorheriger ArtikelElisabeth Sanatorium
Nächster ArtikelEiner auf Fototour …
André Winternitz, Jahrgang 1977, ist freier Journalist und Redakteur, lebt und arbeitet in Schloß Holte-Stukenbrock. Neben der Verantwortung für das Onlinemagazin rottenplaces.de und das vierteljährlich erscheinende "rottenplaces Magazin" schreibt er für verschiedene, überregionale Medien. Winternitz macht sich stark für die Akzeptanz verlassener Bauwerke, den Denkmalschutz und die Industriekultur.