GHVM 3 – Trilogie endet mit Double-Feature

Von André Winternitz

Wenn es am schönsten ist, sollte man aufhören, heißt es so schön. Genauso handhabt es der Leipziger Filmemacher Enno Seifried mit seinen Dokumentationen „Geschichten hinter vergessenen Mauern“. Was 2011 als „Sprung ins kalte Wasser“ startete, entwickelte sich über die Jahre quasi als Selbstläufer. Seifried zog mit einer Vision bewaffnet los, rekrutierte Mitstreiter, investierte eine hohe Summe und machte es sich zur Aufgabe, Lost Places in Leipzig filmisch zu dokumentieren, deren Geschichte aufzuarbeiten und das Ergebnis auf die Kinoleinwand zu bringen. Im Frühjahr 2012 dann, suchten Seifried und sein Team über die Crowdfunding-Plattform „Vision-Bakery“ nach finanziellen Unterstützern, um den Film nicht nur an einem Premierenwochenende uraufzuführen, sondern auch eine DVD und einen Soundtrack produzieren zu können.

180314Was dann geschah, damit hatte wohl niemand so wirklich gerechnet – am wenigsten das Filmteam selbst. Das Projekt erzielte nach wenigen Wochen die doppelte Finanzierungssumme. Diese reichte, um in einem gebührenden Rahmen nicht nur die Premiere zu feiern, sondern auch alle weiteren Kosten decken zu können. Und während bei der Filmvorführung eine Fortsetzung nicht bestätigt werden konnte, legte Seifried nur ein Jahr später nach und vollendete den zweiten Teil – auch dieser sollte wieder über das Crowdfunding finanziert werden. Und dieses toppte den Versuch aus dem ersten Jahr um Längen. Nach kurzer Zeit sammelten Seifried und sein Team über 350 Prozent der zuvor festgelegten Summe ein. Gleichzeitig versprach der Filmemacher, dass im Falle einer entsprechenden Finanzierungssumme ein dritter Teil nicht ausgeschlossen sei.

Und so kam es, wie es kommen musste: Am 14. März 2014 kündigte man offiziell den dritten und somit letzten Teil der Reihe an. Erneut setzte man auf die „Vision Bakery“ um Gelder für die Premiere, eine Doppel-DVD, Soundtrack, Werbung usw. einzusammeln. Dann kam der positive Schock: Nach etwas mehr als 24 Stunden war die zuvor veranschlagte Summe eingenommen. Ein unvorstellbarer Erfolg! „Ich habe natürlich heimlich auf so eine Resonanz gehofft, aber nicht damit gerechnet. Wir hatten Angst, die Leute könnten genug haben und wollen so langsam von unserem Projekt nichts mehr wissen. Das wäre insofern tragisch gewesen, da wir uns die doppelte Arbeit gemacht haben. Aber jetzt sind zum wiederholten Male all diese Bedenken egal und wir sind einfach nur dankbar und glücklich, dass die Crowd nach wie vor hinter uns und unserem Projekt steht“ sagte Seifried gegenüber dem rottenplaces Magazin.

„Abschied“ – so heißt das Ende der Trilogie. Ein Name der doppelt treffend formuliert ist. Zum einen passt er einmal mehr zu den im Film vorgestellten Lost Places – deren Ende unweigerlich kommen wird, zum anderen heißt es für Seifried und sein Team sich von einer tollen und aufregenden Zeit zu verabschieden. Um das Ende der Leipziger-Dokureihe gebührend zu zelebrieren, kommt „Abschied“ gleich mit zwei Teilen von jeweils 90 Minuten – volle 180 Minuten Dokumentation als Double Feature also. Für spätere öffentliche Kinovorstellungen nach dem Premierenwochenende wird selbstverständlich auch eine 90-minütige Fassung erstellt. Dass das Premierenwochendene bereits finanziert ist, heißt nicht, dass man das finale Projekt nicht unterstützen kann. Unter www.visionbakery.com/ghvm sind nach wie vor Tickets und jede Menge Merchandise-Material erhältlich.

Der zweite Teil endete mit dem Kraftwerk Thierbach, einem imposanten DDR-Bau. Was lang also näher, als die Dokumentation südlich von Leipzig fortzusetzen. Also hat sich das Filmteam das ehemalige Wasserwerk und die Brikettfabrik vorgenommen und beide gewohnt gekonnt in „Szene“ gesetzt. Mehr möchte Seifried aber noch nicht verraten. Und da jeder Regisseur nur erfolgreich ist, wenn hinter diesem ein starkes Team steckt, kommt erster auch ins Schwärmen, wenn man ihn darauf anspricht. „Das Team ist für mich in der Tat das Beste mit dem ich je zusammen gearbeitet hab. Wir wissen was wir wollen und wir wollen alle das Gleiche“, sagt Seifried, „wir freuen uns alle wie kleine Kinder, wenn Falk mit der neuen Animation um die Ecke kommt, Patrick uns seine Zeichnungen zeigt, Peter eine neue Szenenmusik präsentiert, Roger der erst in diesem Jahr neu dazu gekommen ist plötzlich Interviewpartner vor die Kamera zaubert an die wir nie gedacht hätten. Von dem Projekt abgesehen, sind wir mittlerweile auch privat alle eng befreundet und das hat sich teilweise erst durch das Projekt ergeben. Jeder hat unheimlichen Respekt vor der Arbeit des Anderen.“ Und auch wenn Seifried einen weiteren Teil nach der Trilogie definitiv ausschließt, eine bessere Grundlage zur Fortführung des Projektes kann es nicht geben.

Auch beim Veranstaltungsort trumpfen Seifried und sein Team noch einmal richtig auf. Nach der Premiere im Sowjetischen Pavillon beim ersten Teil, dem KulturKino Zwenkau beim zweiten findet der „Abschied“ von der Dokfilmtrilogie am 23. bis 25. Mai in einem wunderbaren Lost Place statt – dem Hauptpostamt 1 am Augustusplatz. Das 110 Meter lange Postgebäude, erbaut 1964 steht seit 2011 leer und unter Denkmalschutz. „Wir wollten mit dem letzten Teil der Leipzig-Trilogie zurück in die Stadt und zwar direkt in die Stadt. Da gibt es natürlich nicht so viele Lost Places, wie in den einzelnen Stadtteilen oder am Stadtrand. Von den wenigen Orten die also in Frage kamen, hat die ehemalige Hauptpost die besten Räumlichlichkeiten um eine Filmpremiere zu veranstalten“, sagt Seifried, „und auch wenn das Gebäude von außen vielleicht nicht den Anschein macht, sind die Innenräume sehr beeindruckend. Auch war alles sehr unproblematisch mit dem Eigentümer Jörg Zochert von der KSW, der die Räumlichkeiten ohne Bedenken zur Verfügung stellt.“

Wenn der Regisseur auf die letzten Jahre, drei Dokumentationen, viel Arbeit und Schweiß, zahlreiche spannende, kuriose aber auch auf traurige Momente und Gespräche zurückblickt, dann sind gerade die Premierentage doch sehr im Kopf geblieben. „Als ganz besondere Momente sind mir tatsächlich diese Tage im Kopf hängen geblieben. Die Aufregung vor der Premiere, die Vorbereitungstage, das erste Mal den Film der Öffentlichkeit präsentieren und mit dem Publikum und unseren Unterstützern das fertige Produkt feiern. Das ist schon der Hammer und ein sehr schönes Gefühl. Auch die Gespräche und Kontakte die sich daraus ergeben haben. Würde man mich fragen, was ich das nächste Mal anders machen würde, würde ich alles wieder genauso machen. Und unsere Unterstützer und Fans geben uns das Gefühl, dass genau das der richtige Weg war und ist. Und diese Energie und Bestätigung sind extrem spürbar, wenn man mit dem Publikum zusammen im Saal sitzt und gespannt den Film guckt“, schwärmt Seifried.

Weitere Informationen unter www.lostplace-dokfilm.de

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André Winternitz, Jahrgang 1977, ist freier Journalist und Redakteur, lebt und arbeitet in Schloß Holte-Stukenbrock. Neben der Verantwortung für das Onlinemagazin rottenplaces.de und das vierteljährlich erscheinende "rottenplaces Magazin" schreibt er für verschiedene, überregionale Medien. Winternitz macht sich stark für die Akzeptanz verlassener Bauwerke, den Denkmalschutz und die Industriekultur.

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