Geschrieben in Blut und Eis – Von Marius Kuhle

Foto: pixelio/LouPe/Fotomontage

Trotz des peitschenden, kalten Windes, dem tiefen Schnee und des immer dunkler werdenden Himmels, kämpfte Nella sich weiter unbeirrt vorwärts. Sie hatte auch keine andere Wahl, denn in der Ferne, an den Spitzen der schneebedeckten Gipfel zeichnete sich ein Sturm ab. Vor Anbruch der Nacht musste sie ihre Blockhütte erreichen. Kein leichtes Unterfangen wenn die Beine bei jedem Schritt fast bis zu den Knien einsackten und dem schweren Bündel trockenem Brennholz auf ihrem Rücken.

Ohnehin war das Leben in dieser Wildnis niemals leicht oder einfach. Schon gar nicht für eine junge, alleinstehende Frau. Nella kam aber zurecht, sie musste auch zurechtkommen, denn ihr Mann war heute, genau vor einem Jahr, in einem ähnlich unbarmherzigen Winter ausgezogen, um mit Fallen auf Pelzjagd zu gehen und seither nie wieder zurückgekommen. Die einen erzählten, er wäre bei einem Streit in einem Saloon erstochen worden, die anderen, das er bei einem Pokerspiel viel Geld verloren hatte und geflohen war und die Wenigsten flüsterten, dass er Opfer von den Wölfen geworden war. Nella waren die Geschichten alle egal.

Alexander war fort und die einzigen Dinge, die er ihr hinterlassen hatte, war seine Blockhütte, fernab von jeder Ansiedlung entfernt, und sein Jagdmesser, was er auf dem Kamin vergessen hatte. Ein Fallensteller, der sein Jagdmesser vergaß. Das hätte ihr damals ein böses Omen sein sollen. Das eine Jahr war aber nicht spurlos an Nella vorbeigegangen. Wind und Kälte hatten die Haut auf ihrem Gesicht aufgerissen und aufgeschürft. Das brünette, lockige Haar war stumpf und Ihre Knochen knirschten morsch, die kratzige Stimme kam kaum noch aus der ausgedörrten Kehle und ihre Finger und Zehen fühlten sich immer verbrannt an.

Nella wollte aber nicht aufgeben oder sich in die Arme eines anderen Mannes flüchten. Auch wenn sie nun ein Leben führen musste, dass ihr zwei Nummern zu groß und doppelt so schwer war, war es immer noch ihr Leben. Ihre Blockhütte, ihr wertloses Stück Land und nun ihr Jagdmesser, was sie immer bei sich trug. Endlich erreichte sie die Grenze des Waldes, der zu einem Abhang führt, von wo aus sie ihr Haus mitsamt dem kargen Landbesitz sehen konnte.

Die Eisdecke glitzerte im immer schwächer werdenden Sonnenlicht. Der Winterhimmel hatte bei der Dämmerung eine dunkelviolette Farbe, aber selbst am Tag ging die Sonne scheinbar kaum auf. Ihre Hütte war ein winziger Punkt in einer endlosen Eiswüste. Jetzt, wo Nella hier oben stand, fühlte sie sich trotz der kurzen, anstrengenden Tage und langen, einsamen Nächte, doch zufrieden und glücklich. Auch wenn die Last des Brennholzes auf ihrem Rücken sie niederdrückte und ihr Körper scheinbar ein ganzes Leben keine Wärme und Sonnenlicht mehr berührt hatte, wollte sie diesen einmaligen Anblick und die damit verbliebene Ruhe niemals missen.

Der Kadaver des Bären lag im Schnee, ganz steif von den Eiszapfen in seinem Fell. Sein Mund stand weit offen, Blut und Gehirnmasse sprenkelten den weißen Boden um ihn herum. Sie glitzerten wie gefrorene, rote, graue und gelbe Kristalle. Durch sein dunkles Fell liefen mehrere, tiefe Schnittwunden, aber das Fleisch wies keine Biss- oder Fressspuren auf. Dafür fehlte fast das gesamte Blut des Grizzlys. Die Schneedecke wirkte fast zu jungfräulich weiß und sauber. Nach den Verletzungen hätte es ein großer, roter Teppich sein müssen.

Was für ein Tier konnte diese schwerfällige, riesige Kreatur töten und rührte das gute Fleisch nicht an? Die Spuren des Kampfes des Bären und das des anderen Tieres waren nicht mehr auszumachen. Es war, als wären sie schon zugeschneit, obwohl in den letzten Stunden nichts vom Himmel gekommen war. Welches Tier war so klug und geschickt, seine Spuren zu verwischen? Der Wind frischte auf und die ersten Schneeflocken fielen herab. Nella musste weiter. Sie ging aus der Hocke und hörte ein leises Knirschen im Schnee hinter sich. Sie fuhr herum und hatte den Revolver schon gezückt, konnte aber nichts entdecken. Als Frau ging Nella zu diesen Zeiten immer mit Pistole und Messer aus dem Haus, auch wenn die wenigen, gelegentlichen Begegnungen nur aus Wildkaninchen und Füchsen bestanden.

Sie spannte den Hahn und hielt inne. Wieder ein Knirschen hinter ihr. Näher als vorher. Sie drehte sich erneut um, konnte aber wieder nichts erkennen. Nur die weiße Fläche, in der Ferne die schneebedeckten Bäume und dieses kalte, graue Flirren in der Luft. Zögernd steckte Nella die Waffe wieder ein. Die Natur konnte den Sinnen so manchen Streich spielen und die Einsamkeit im Eis fraßen regelrecht den Verstand auf. Die Folge waren Beklemmungen, Aggressionen und Depressionen. Nella fühlte sich aber immer noch Herr über ihre Sinne und der Bär vor ihr war auch keine Einbildung. Selbst durch ihre kaputte, tropfende Nase und den kalten Wind konnte sie den Gestank des Todes riechen. Da vernahm sie wieder etwas, nur diesmal war es kein Knirschen im Schnee, obwohl es unter diesen Umständen fast genauso beunruhigend klang. Das mehrmalige Aufeinanderklappern von Zähnen. Gierig, lüstern, voller Erwartung.

Nella rannte los, bevor sie einen warmen, stinkenden Hauch spüren konnte und es dann zu spät war. Zu ihrer isolierten Hütte war es nicht mehr weit, für eine Flucht in dicker Winterkleidung mit Feuerholz doch ein langer Weg. Sie drehte sich nicht einmal um, atmete durch den Mund und bei jedem Atemzug gefror das Innerer ihrer Kehle mehr und mehr. Sie machte nicht den Fehler, sich umzudrehen, stolperte aber trotzdem über einen Stein oder etwas anderes unter der Schneedecke. Nella stürzte in einen Haufen Pulverschnee. Sie tauchte fast vollständig ein und hievte sich, so schnell wie es ging, wieder hoch. Das Klappern der Zähne war näher gerückt. Hinzugekommen war das Wetzen von Krallen und ein Knurren.

Der Wind nahm zu und immer mehr Schneeflocken fielen herab. Bald müsste Nella nicht nur gegen das ständig Einsacken, sondern auch gegen den Wind ankämpfen müssen. Ihre dunkle Hütte wirkte wie eine rettende Insel in diesem Meer. Es war nicht mehr weit. Nur noch wenige hundert Meter. Nella rannte weiter. Ein Fauchen zischte hinter ihr her. Sie konnte nicht einordnen wer oder was, solche Geräusche von sich gab. Mit den letzten Reserven ihrer Kräfte erreichte sie endlich ihr trautes Heim. Nella warf das Holz auf den Boden, knallte die Tür zu und stemmte sich mit dem Rücken gegen das Holz. Jeder Atemzug schmerzte in ihren eingefrorenen Lungen und der Schweiß, schien auf ihrer Haut zu verdampfen.

Sie wusste nicht, wie lange sie an der Tür lehnte, aber in der ganzen Zeit hämmerte oder schlug nichts dagegen, außer den kräftigen Windböen. Wie ein unheimliches Geheul fegten diese über ihre Hütte hinweg. Der Schnee schmolz auf ihrer Kleidung und tropfte auf den Boden. Nella schob sich mit dem Rücken die Wand entlang und spähte aus dem Fenster hinaus. Nichts war zu sehen. Nur immer mehr Schnee, der wild herabfiel und herumwirbelte. Kein Wolf, ein anderes wildes Tier oder gar ein Monster. Nella fing an, zu lachen und entfernte sich vom Fenster.

Bei Sonnenuntergang hatte der Blizzard eingesetzt. Das Pfeifen des Windes schien nicht einmal abzuebben und klapperte an den Fenstern und Türen. Das Knarren von Holz erfüllte ständig die von den Laternen beleuchtete Hütte. Nella saß vor dem Kamin in ihrem Schaukelstuhl und sie sah gedankenverloren in den Feuerschein. Jetzt, wo die Nacht angebrochen war, merkte sie, wie einsam und alleine sie doch war. Nella hätte es niemals über die Lippen gebracht, aber gerade in dieser Nacht, fehlte ihr Alexander besonders. Das ganze Jahr war sie so hart und kalt gewesen, um Außen hin stark zu wirken, aber jetzt schmolz ihre Stärke dahin. Trotz des nahen Feuers fröstelte sie und zog die Decke bis zu ihrem Kinn hoch.

Sie sah noch eine Weile in die zuckenden Flammen und ihre Augen fielen mehr und mehr zu. Obwohl Nella wegdöste, nahm sie ihre kleine Welt um sich herum immer noch wahr. Das Rauschen des Sturmes. Das leise Tröpfeln der Schneeflocken auf das Fensterglas. Das Knarren und Knarzen des Holzes. Das Knistern des Kaminfeuers. Als eine besonders starke Windböe gegen die Tür traf, tauchte das Bild des toten Bären im Schnee vor Nellas geistigem Auge auf und sie schreckte hoch. Das hatte sich fast genauso wie ein einzelnes Hämmern angehört. Nella griff leise kichernd an ihre Brust und fühlte ihren Herzschlag. Ihr Blick fiel auf das Jagdmesser, dass seinen gewohnten Stammplatz auf dem Kamin hatte. Dabei fragte sie sich, wieso sie es immer noch da hin legte, wo es doch jetzt überall in ihrem Haus sein konnte. Neben dem Revolver auf dem Esstisch zum Beispiel.

Ein Jahr war vergangen und es war Zeit, dass ihr Messer nun endlich eine neue Heimat fand. Nella befreite sich unter der Decke, nahm die Klinge vom Sims und legte sie auf den Tisch, da kam von draußen ein neues Geräusch hinzu. Durch den tobenden Wind hätte dieser unscheinbare, leise Laut kaum zu vernehmen sein sollen und doch hörte Nella es klar und deutlich. Das quälende, langsame Scharben von Fingernägeln auf Glas. Nella riss den Revolver hoch und fuhr zur Tür herum. Sie glaubte einen Moment, ein leuchtendes Augenpaar am Fenster erkannt zu haben, die aber nun verschwunden waren. Sie zielte weiterhin, näherte sich dem Fenster an der Tür und sah hinaus. Tatsächlich erkannte sie in diesem Mischmasch auf Schwarz, Weiß und Grau etwas. Die Umrisse eines großen, hageren Mannes. Er wirkte wie ein unruhiger, schemenhafter Schatten. War das ein verirrter Jäger oder Wanderer?

Nella hatte kein Interesse, der Sache näher auf den Grund zu gehen. Sie würde dem Mann bei diesem Sturm keine Zuflucht gewähren. Es war nicht der erste Mann, der auf ihrer Türschwelle gestanden und geglaubt hatte, mit einer einsamen, verlassenen Frau leichtes Spiel zu haben. Sie spannte den Hahn und schon schnellte der fremde Schatten hervor, um mit der gleichen Kraft des Blizzards, die abgeschlossene Tür aufzubrechen, um in ihre Hütte zu gelangen.

Die Kreatur, die durch die Tür brach, konnte man kaum als menschlich bezeichnen, obwohl sie in ihren Grundzügen an ein sterbliches Wesen erinnerte. Der Mann undefinierbaren Alters, war splitterfaser nackt und völlig ausgemergelt. Seine tintenblaue Haut spannte sich über die sichtbaren Rippen und Knochen. Das wirre, abstehende Haar hatte die Farbe von altem, schmelzendem Frost. Der lange Bart war voller Eiskristalle und dunklem, getrocknetem Blut. Die Pupillen waren farblos und trieben in dem trüben, dreckigen Weiß seiner schmalen Augen. Mit dem Angreifer gelangte der Schneesturm in ihr trautes Heim. Alles wirbelte durcheinander, ein dröhnendes Geheul fraß jedes andere Geräusch auf und die Laternen vollführten einen hektischen, panischen Tanz. Durch den wilden Schleier aus Schneeflocken und dem Lichtgewitter, trat dieser erfrorene Leichnam auf zwei Beinen auf sie zu.

Nella feuerte und selbst der laute Schuss wurde von dem Sturm verschlungen. Die Kugel durchschnitt die kalte Luft und die Schneeflocken und sie verfehlte den Mann nur knapp. Er riss seine schwarzen, rissigen Lippen auf und schrie so düster und schrill, dass er selbst den Blizzard übertönte. Nella schoss erneut und diesmal wich das Monster mit einem Sprung an die Decke aus. Wie eine Spinne kroch der Mann mühelos umher. Nella feuerte zwei weitere Schüsse dem Wesen hinterher und wieder gingen alle ins Leere. Sie war keine besonders gute Schützin und die Sturmböen, die Kälte und die Angst nahmen ihr noch den letzten Rest Zielwasser. Sie hatte aber noch zwei Kugeln. Sie wollte die Vorletzte abfeuern, da setzte der blaue Mann zum Angriff an. Er sprang herab und trat Nella mit seinen nackten, mit Frostbeulen übersäten Füßen, gegen ihre Brust. Nella wurde zurückgeschleudert, feuerte dabei blindlings in die Luft und stieß mit den Rücken gegen den Tisch.

Wie alle Sachen darauf, fiel sie auf den Boden, schrie auf und der Eiswind bahnte sich seinen Weg durch ihren Hals bis zu ihrem Herzen und ließ ihr Blut gefrieren. Der Mann kam in gebückter Haltung rasch auf Nella zu. Seine Fratze offenbarte Angriffslust, während er lächelte und mit seinen krummen, spitzen Zähnen klapperte. Das diente nicht nur dazu, um den Gegner einzuschüchtern, sondern schien von der Kälte in seinem Inneren herzurühren. Eine Kugel hatte sie noch. Nella hob den Arm hoch und zielte so gut wie sie konnte. Vergebens. Der Mann packte ihr Handgelenk und riss die Hand zur Seite. Auch der letzte Schuss drang irgendwo ins Holz, aber zuvor traf sie eine der vielen Lampen an der Decke. Diese fiel herab, zerschellte und setzte die Decke an ihrem Schaukelstuhl in Brand. Der Mann grinste und sein stinkender Atem kondensierte vor ihrem Gesicht.

Er hielt ihr Handgelenk immer noch fest und seine Augen waren so trüb und farblos, dass sich Nella in ihnen nicht einmal spiegelte. Vergnügt klapperte er weiter mit seinen Zähnen und bemerkte nicht, wie Nellas freie Hand über den Boden huschte, bis sie etwas fand. Ihr Jagdmesser.

Umständlich rammte es Nella ihm in den Hals. Sie hatte schon Angst, dass die Klinge abbrechen würde, weil seine Haut so kalt und hart aussah, aber sie glitt mühelos in sein blaues Fleisch, wie bei einem gewöhnlichen Menschen. Er schrie auf und sein Griff um ihr Handgelenk wurde fester. Im Gegenzug drückte Nella die Klinge ein wenig tiefer hinein und drehte sie ein Stückchen. Sein eiskaltes Blut spritzte auf ihre Hand und Arm.

Das Feuer wurde größer, ging auf den Schaukelstuhl über und breitete sich in der Hütte weiter wie eine Schlange aus. Die Welt um Nella war eine bizarre Mischung aus orangem und blauen Licht. Endlich ließ das Eismonster los und wollte nach dem Messer greifen, da schlug Nella mit dem Griff des Revolvers zu. Durch den Sturm konnte sie das typische Knirschen des Knorpels bei einem Nasenbruch nicht hören, sah aber, eine Blutfontäne, die empor schoss. Schreiend griff er sich ins Gesicht und Nella schlug ein weiteres Mal zu. Diesmal gegen seine Stirn. Mit den Händen vor seinem Gesicht fiel der Angreifer zu Boden. Nella schlug zu, ein weiteres Mal und ein drittes Mal.

Auch wenn dieser Schneeuntote keinen weiteren Laut oder Körperregung mehr von sich gab, warf Nella den Revolver zur Seite, riss das Messer heraus und stach weiter auf ihn ein. Solange bis Nella keine Kraft mehr in ihren tauben Armen hatte. Mit zerschmettertem und blutverschmiertem Gesicht lag er nun vor ihr und ein letzter Hauch sichtbarer Luft wich aus seinem leicht geöffneten Mund. Nella hielt das Messer immer noch mit beiden Händen umklammert. Sie hatte es wahllos in sein Fleisch gerammt, aber am meisten in die Stelle, wo sie sein Herz vermutete. Sie zog die Waffe mit einem matschigen Geräusch heraus. Das Blut, dass von der Klinge tropfte und an ihren Händen klebte war Himmelblau.

Die Gefühle wirbelten in ihrem Inneren wie die Schneeflocken vor ihren Augen herum.
Sie wollte schreien, weinen, jubeln, tat aber nichts dergleichen. Unbemerkt liefen ihr Tränen über das Gesicht und Rotz über die Oberlippe, bis die Hitze der Flammen sie aus ihrer Starre befreiten. Der Großteil ihrer Hütte brannte. Das Feuer war auch auf die Decke übergegangen. Mit zitternden Beinen stand Nella auf und stolperte hinaus in den Schneesturm.

Nella kam keine zehn Schritte, da fiel sie erschöpft in den Schnee. Ihr Körper fühlte sich komplett taub, leer und tot an. Nur ihr Geist zündelte noch auf Sparflamme. Die Sicht war so gering, dass Nella nur wenige Meter vor sich etwas richtig erkennen konnte. Und was sie sah, war in seiner eigenen Art, bizarr schön. Das orange Licht im Rücken, dass trotz seiner Größe und Stärke nicht gegen die Dunkelheit ankam. Die dunkelgrauschwarze Welt um sich herum. Die Schneeflocken, die irgendwie in alle Richtungen gleichzeitig herunterfielen und flogen. Obwohl der Himmel überhaupt nicht auszumachen war, wurde der Glanz der Sterne vom Eis zurückgeworfen. Unzählige Lichtpunkte auf dem Boden oder in dem aufgewühlten Schneenebel. Nellas Augen begannen, wie unruhige Kerzen zu Flackern und sie schloss sie. Nur einen Moment, bis etwas durch den Sturm zu ihr über das Eis hallte. Das Klappern von Zähnen.

Nella riss die Augen wieder auf und damit stieg auch der letzte Schwall von Kraft und Wärme in ihr wieder an. Ein Schatten kam näher, dann ein zweiter, ein dritter, noch einer und dann noch einer. Männer, Frauen und Kinder schälten sich durch den Wind auf sie zu. Alle nackt, vom Winter ausgezerrt und mit blauer Haut. Ihre Augen wirkten in der Nacht wie glühende, weiße Kohle. Nein, Nella würde heute nicht sterben. Sie würde diesen Monstern ebenso trotzen, so wie sie all den vielen Schicksalschlägen im vergangenen Jahr die Stirn geboten hatte. Diese Kreaturen wollten ihr Blut? Kampflos würde Nella es nicht hergeben. Sie umfing den Griff des Jagdmessers so feste, wie es ihre gefühllose Hand zu ließ und stand auf. Mit wackeligen Beinen und klappernden Zähnen nahm ihr fast erfrorener Körper eine Angriffshaltung ein.

Nellas Schicksal war noch nicht in Blut und Eis geschrieben.

Marius Kuhle

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here