Geschichten hinter vergessenen Mauern

Sachsens kreisfreie Stadt Leipzig blickt auf eine bewegende und stolze Geschichte zurück. Leipzig ist nicht nur Knotenpunkt für Handel, Wirtschaft und Kultur sondern verfügt über eine große musikalische Tradition und ist zudem ein bedeutender Messestandort in Europa. Gerade touristisch bietet die Heldenstadt viele architektonisch anmutende Sehenswürdigkeiten und lockt aus diesem Grund die Massen an. Für viele jedoch ist Leipzig mehr als nur spröder Tourismus und Sightseeing mit anschließendem Souvenirjagen – es ist ein Mekka für Urban Explorer und Geocacher, die sich auf die Suche nach vergessenen Orten und industriellen Hinterlassenschaften machen oder aber auf eine besondere, elektronische Schatzsuche gehen.

Diesem spannenden Thema hat sich der Leipziger Enno Seifried angenommen und mit „Geschichten hinter vergessenen Mauern“ einen Dokumentarfilm abgeliefert, der sich nicht nur oberflächlich mit Lost Places in Leipzig befasst, sondern dessen Geschichte näher bringt und uns nicht vergessen lässt. Gespräche mit Zeitzeugen, Investoren, Visionären und Politikern werten das Filmwerk auf. Weiterhin kommen Menschen zu Wort, die Ruinen magisch anziehen und die sich selbst als Ruinenromantiker bezeichnen. Sie empfinden eine Faszination für diese Gebäude, die sie antreibt immer wieder solche Orte in ihrer Freizeit zu besuchen. Als Künstler, Fotografen, Videofilmer, Musiker, Geocacher oder Urban Explorer sind sie auf der Suche nach kleinen Abenteuern im sonst erschlossenem Stadtraum. Es geht um Gründe und Hintergründe für Mythos, Faszination und Neugestaltung. Und vielleicht bietet dieses Dokument auch eine Möglichkeit, zum Erfassen geschichtlicher Vergangenheit auf der Suche nach Zukunft im existierenden Lebensumfeld.

Um dieses Werk – „Geschichten hinter vergessenen Mauern“ zu unterstützen, haben wir bei Enno Seifried nachgefragt.

rottenplaces: Enno, wie bist du auf die Idee zu einem Dokumentarfilm – der mehr als nur die Geschichten hinter vergessenen Mauern in Leipzig durchleuchtet – gekommen und was fasziniert dich gerade an diesem speziellen Genre oder Thema?

Seifried: Die Faszination von so genannten Lost Places war schon im Kindesalter extrem ausgeprägt, als man mit Kumpels noch durch die alten Abbruchhäuser der Stadt zog. Damals hat man weniger über deren Existenz nachgedacht, es war einfach nur die Abenteuerlust und das Unbekannte, was einen an solche Orte zog. Heute schaut man da schon etwas genauer hin und man möchte Hintergründe erfahren. Da ich mich ohnehin auch noch heute an diesen vergessenen Orten herumtreibe, dachte ich mir: „Finde doch mal ein paar Zeitzeugen und nimm die Kamera mit in diese Lost Places.“ Und schon war die Idee für diesen Dokumentarfilm geboren.

rottenplaces: Was erwartet den Zuschauer in „Geschichten hinter vergessenen Mauern“ und worin liegen die Schwerpunkte dieser Dokumentation?

Seifried: Die Zuschauer erwartet natürlich eine Unmenge an Bildmaterial aus den verschiedensten Lost Places in Leipzig. Auch wenn die Bilder sicher schon für sich selbst sprechen, kommen hier noch Interviews und Statements von Menschen hinzu, die völlig unabhängig voneinander mit diesen Orten in Beziehung stehen. Ein bestimmter Schwerpunkt ist dabei schlecht auszumachen, da die verschiedenen Charaktere und Geschichten, sowie das persönliche Verhältnis der Interviewpartner zu den verschiedenen Orten, sich teilweise noch nicht einmal ähneln. Ich glaube der Schwerpunkt ist schlicht und ergreifend der Titel des Films. Einzelne Schwerpunkte liegen dann in den individuellen Geschichten der Protagonisten.

rottenplaces: Der Film befasst sich mit ganz speziellen Lost Places, deren Geschichte, Zukunft oder persönliche Verbundenheit mit selbigen von Fachleuten, Zeitzeugen, Künstlern, Urbexern oder anderen geschildert und gezeigt wird. Wie und nach welchen Kriterien habt ihr die Locations ausgewählt?

Seifried: Ich habe natürlich meine Lieblingslocations in Leipzig und zuallererst habe ich versucht, diese im Film unterzubringen. Am Ende hatten wir allerdings so viel Material, das wir eine 5-Stunden-Dokumentation hätten machen können. Also mussten wir kürzen und das war der schwierigste Teil der Arbeit. Dazu muss ich sagen, dass wir Interviews von bis zu einer Stunde Länge dabei hatten, in denen so viel Interessantes zu hören war, das die Entscheidung nicht gerade leicht fiel. Am Ende haben wir uns für eine ausgewogene Mischung entschieden und dadurch sind auch ein paar meiner liebsten Lost Places aus dem Film verschwunden. Aber es sind auch einige dabei, die der ein oder andere das erste Mal von innen sehen dürfte.

rottenplaces: Dein Produktionsteam fasst neben Nina Maria Föhr oder Peter Schneider weitere bekannte Namen. Warum hast du dich gerade für diese Persönlichkeiten entschieden und wie konntest du sie für deinen Film gewinnen?

Seifried: Die Entscheidung fiel leicht und war von Anfang an keine Frage. Ich wusste, mit wem ich zusammenarbeiten will und hab mit fast allen aus dem Team schon vorher in anderen Projekten zusammengearbeitet. Neben Nina Maria Föhr und Peter Schneider, fragte ich Tilo Esche und Tony Nowak, da ich ihre Arbeitsweise aus vorherigen gemeinsamen Projekten kannte und beide aus verschiedenen Bereichen das nötige Know-how mitbrachten. Mit Susann Fiedler habe ich wohl die meiste Zeit in diversen Lost Places verbracht. Sie wusste also am besten, worum es geht, wenn ich Spitznamen für verschiedene Locations auspackte und was mich an der ganzen Sache reizt. Falk Johnke und Martin Stein habe ich erst während der Dreharbeiten kennengelernt und beide konnten das, was keiner von uns konnte. Die Chemie stimmte und los ging’s.

Das Wichtigste war aber, dass alle Beteiligten auch aus der Urban Explorer bzw. der Lost-Place-Cacher-Szene kommen sollten, um einen wirklich glaubwürdigen Film zu produzieren.

rottenplaces: „Geschichten hinter vergessenen Mauern“ wurde ohne Fördergelder oder Sponsoren realisiert. Bei der Vielzahl an Crewmitgliedern und Mitwirkenden sowie dem materiellen Aufwand und der mehrmonatigen Drehzeit sicherlich nicht ganz einfach. Wie habt ihr diese Phasen samt komplettem Nachbearbeitungsprozess gestemmt und gab es auch Tiefschläge?

Seifried: An dieser Stelle sei dem kompletten Filmteam noch mal gedankt. Denn als ich die einzelnen Leute auf das Projekt ansprach, war die Grundvorrausetzung, dass sie wissen mussten, dass es keine Gage geben würde. Der Enthusiasmus im Team war allerdings davon ungebremst, jeder hatte Lust auf das Projekt und wollte einfach dabei sein. Natürlich hoffe ich, dass mit dem Film in Zukunft der ein oder andere Cent verdient werden kann, um wenigstens im Nachhinein, dem Team noch einen Obolus zukommen zu lassen. Natürlich hatten wir bei der Projektvorbereitung schon eine Unmenge an Ausgaben, die sich auf mehrere Tausend Euro beläuft. Wir haben uns extra für dieses Projekt zwei neue professionelle HD-Kameras gekauft, sowie diverses technisches Equipment. Hinzu kommen eine Menge Spritkosten. Das waren die Hauptposten, die bewältigt werden mussten.

Tiefschläge gab es natürlich. Aber ohne diese kommt wohl ein Projekt, was fast ein Jahr Produktionszeit beansprucht nicht aus. Zum Beispiel war die Hälfte des Materials geschnitten, als der Schnittrechner den Geist aufgab und die ganz Arbeit von vorne losging. Ein weiterer Tiefschlag war das Problem mit unserem Filmtitel „Lost Place L.E.“. Als wir mit dem Film an die Öffentlichkeit gingen, bekam ich die Aufforderung den Titel zu ändern, da eine größere Firma für diesen Namen Titelschutz angemeldet hatte. Was das für einen Aufwand bedeutet, brauch ich sicher nicht näher zu erklären.

rottenplaces: Gibt es eine Message in deiner Dokumentation, bzw. was soll beim Zuschauer hängen bleiben?

Seifried: Falls das eine Message ist: Der Film macht auf jeden Fall klar, wie viele unterschiedliche Menschen mit den im Alltag ignorierten Ruinen verbunden sind. Normalerweise läuft man an diesen Gebäuden vorbei und bemerkt sie entweder gar nicht, oder fragt sich, wie lange dieser Schandfleck noch da stehen soll. Doch steckt in diesen Lost Places eine Unmenge an Stadt-Geschichte und mittlerweile hat sich eine große Fangemeinte aufgetan, die die Schönheit dieser Ruinen für sich entdeckt hat. Ich glaube auch, dass die Stetigkeit der Vergänglichkeit und der Veränderung eine Message des Films ist, denn dies wird einem anhand dieser Gebäude besonders bewusst.

rottenplaces: Wie reagierten und reagieren „Szenefremde“ auf das Thema Lost Places, Urban Exploring und Co. die als Interviewpartner im Film mitwirkten oder die vom Film im Vorfeld hörten?

Seifried: Es gab einige Menschen bzw. Firmen, die wir sehr gerne zu einem Interview gebeten hätten, die jedoch nichts damit zu tun haben wollten. Zum Beispiel hat sich die Deutsche Bahn erst geweigert und ist anschließend auf keine E-Mail von mir mehr eingegangen. Die TLG Immobiliengesellschaft, hat nach meiner Anfrage den Ball von einem Büro ins nächste geworfen, um mir nach unzähligen Telefonaten zu sagen: „Von dem Thema Lost Places möchten wir uns distanzieren.“ Das verwundert schon, wenn man bedenkt wie viele dem Verfall preisgegebene Gebäude der TLG gehören. Aber vielleicht verwundert es auch gerade aus diesem Grund eben nicht …

Viele andere Eigentümer sind ganz offen damit umgegangen und waren sofort bereit zu einer Aussage. Der „Kling Group“ zum Beispiel gehören auch mehrere Lost Places in Leipzig. Doch deren Geschäftsführer lies uns ohne Bedenken auf seine Gelände und seine Baustellen, sprach mit uns und bot uns an, uns noch mehr Locations zu zeigen. Vor dieser Transparenz habe ich Respekt.

rottenplaces: Der Film ist fertig und wartet nun auf seine Aufführung. Auch eine DVD ist geplant. Da eure finanziellen Mittel aufgebraucht sind, habt ihr euch etwas Besonderes einfallen lassen. Man kann in das Projekt investieren und dieses somit unterstützen. Was genau hat es damit auf sich?

Seifried: In Leipzig gibt es die VisionBakery, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Projekte vorwiegend aus dem Bereich Kunst und Kultur zu unterstützen. Darauf hatte mich Falk, unser 3D-Animateur aufmerksam gemacht. Auf deren Seite konnten wir das Projekt einstellen und für eine Gegenleistung Geld sammeln, um die Veröffentlichung des Films zu realisieren. So hatten wir uns entschieden die Karten für die Filmpremiere und zwei weitere Vorführungen nur über die VisionBakery zu „verkaufen“, da wir von deren Konzept sofort überzeugt waren. Unser Projekt fand solchen Zuspruch, dass wir innerhalb von sechs Tagen die benötigte Summe hatten. Das hat uns völlig geplättet, da wir schon Angst hatten, unser Vorhaben sei vielleicht nicht mal in einem Monat, auf diese Art und Weise zu finanzieren.

rottenplaces: „Geschichten hinter vergessenen Mauern“ soll seine Premiere im März in einem Lost Place, dem ehemaligen Sowjetischen Pavillon auf dem Gelände der Alten Messe feiern. Was habt ihr genau geplant und wie möchtet ihr dies realisieren?

Seifried: Durch ein Interview mit Gregor Bogen, dem Geschäftsführer der WEP-Projektentwicklungsgesellschaft wurde ich auf diesen Veranstaltungsort aufmerksam. Im Gespräch bemerkten wir, dass wir beide den gleichen Gedanken hatten: Eine Filmpremiere in diesem Gebäude. Nun ja, wenn eine Vision erst einmal steht, ist schwer davon loszukommen. Gregor Bogen stellte das Projekt dem Eigentümer, der LEVG vor, die uns dann mitteilte, sie wolle uns dieses Gebäude mietfrei zur Verfügung zu stellen. Das war natürlich der Hammer. Doch da es dort weder Wasseranschluss, Toiletten, Notlicht, Heizung… einfach mal gar nichts gibt, stellten wir einen Plan zusammen und mussten erschreckend feststellen, dass wir trotzdem über 5.000 Euro benötigen, um das zu realisieren. Und hier kam die VisionBakery ins Spiel…

rottenplaces: Gemäß dem Fall – was wir uns alle wünschen – die Premiere des Films kann stattfinden. Wie lauten deine Pläne für die Zukunft?

Seifried: Die Premiere ist hoffentlich nur der Anfang. Natürlich soll der Film danach nicht in der Schublade verschwinden. Der große Anklang der ersten Tage, obwohl wir nichts weiter als einen Trailer draussen hatten, zeigt, was für ein enormes Interesse an dem Thema besteht und so sind wir natürlich bemüht, den Film bei Film-Festivals unterzubringen oder in Kultur- und Programmkinos zu zeigen. Es gibt auch schon die ersten Anfragen von verschiedenen Veranstaltern, den Film bei Cache- oder Graffitievents laufen zu lassen. Schauen wir mal, was die Zukunft bringt. Auf jeden Fall bin ich hoch motiviert. Und von mir aus kann’s jetzt so richtig losgehen!

Wir danken Enno Seifried für das Interview.
Das Interview führte André Winternitz

„Geschichten hinter vergessenen Mauern“

Lost Place Storys aus Leipzig“

Produktionsteam
Produktion: Overlight / Unternehmen Bühne
Produktionsleitung: Tilo Esche
Buch/Regie/Schnitt: Enno Seifried
Regieassistenz: Susann Fiedler
Erzählerin: Nina Maria Föhr
Kamera: Tony Nowak / Enno Seifried
Animation: Falk Johnke
Musik: Peter Schneider / Enno Seifried

Spieldauer: ca. 99 Minuten
Produktionsbeginn: Mai 2011
Premiere: 30.03.2012 (Sowjetischer Pavillon / Alte Messe Leipzig)

Mehr Informationen zum Film unter www.lost-place-le.de

 

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André Winternitz, Jahrgang 1977, ist freier Journalist und Redakteur, lebt und arbeitet in Schloß Holte-Stukenbrock. Neben der Verantwortung für das Onlinemagazin rottenplaces.de und das vierteljährlich erscheinende "rottenplaces Magazin" schreibt er für verschiedene, überregionale Medien. Winternitz macht sich stark für die Akzeptanz verlassener Bauwerke, den Denkmalschutz und die Industriekultur.

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