Fordlândia – Größenwahn eines Autotycoons

Foto: Amitevron/CC BY-SA 3.0

Ende der 1920er Jahre kaufte der US-amerikanische Autotycoon Henry Ford der brasilianischen Regierung ein Gebiet mitten im Regenwald südlich von Santarém in Amazonien ab, um darauf selbst Kautschuk produzieren zu lassen. Aus diesem wollte er Reifen herstellen, die er für die Automobilproduktion in den USA benötigte. Sein Ziel: Preisgünstige Autoreifen produzieren. Für rund 8.000 einheimische Arbeiter ließ Ford eine Kleinstadt mit Kraftwerk, Schwimmbad, Kino, Feuerwehr und ein Krankenhaus errichten und schuf „Fordlândia“. Ford wollte seine Produkte über die angrenzenden Flüsse in alle Welt verschiffen, auch nach São Paulo, wo sich eine seiner Fabriken befand.

In Fordlândia sollte das alte Amerika weiterleben. Ford, der von den Einheimischen als „Jesus Christus der Industrie“ gefeiert wurde, der endlich den Fortschritt in den Dschungel bringen würde, plante ein zivilisatorisches Experiment. Streng protokolliert per Stechuhr und entgegen dem jahreszeitlich bedingten Wetter mussten die heimischen Arbeiter ihren Dienst tun. Amerikanische Vorarbeiter kontrollierten die Hygiene, zudem gab es ein striktes Alkoholverbot. In der Betriebskantine wurden den Brasilianern untypische und ungeliebte Speisen vorgesetzt, die Kosten für die Mahlzeiten mittels Personalnummer vom Lohn abgezogen.

Als in der Kantine 1930 die Selbstbedienung eingeführt wurde, und sich die Wartezeiten dadurch verlängerten, kam es zum Aufstand der Arbeiter, der eskalierte. Während Arbeiter das Inventar zerschlugen, stürmten mit Macheten bewaffnete Männer in die Bürogebäude und brannten diese nieder. Weiter wurden die Stechuhren und Maschinen zerstört sowie Ford-Fahrzeuge im Fluss versenkt. Der Aufstand wurde vom brasilianischen Militär niedergeschlagen.

Henry Fords Vision von einer amerikanisch-geprägten Kolonie und einem Mix aus Industrie und Landwirtschaft mitten im Urwald bekam so den ersten, herben Dämpfer. Über die Jahre kamen weitere Rückschläge hinzu. Die meisten verschuldete Ford selbst, denn der Tycoon, der andere Expertenmeinungen durchweg ignorierte, setzte auf die falschen Berater. So wären Kautschukplantagen in asiatischen oder afrikanischen Ländern weitaus empfehlenswerter und ertragreicher gewesen. Diese Länder hätten nicht nur über entsprechende Gegebenheiten zur Kautschuk-Ernte verfügt, sie hätten auch die Plage des gefährlichsten Gummibaum-Schädlings – den südamerikanischen Mehltau – nicht gehabt.

The Henry Ford/CC BY-NC-SA 2.0
Foto: The Henry Ford/CC BY-NC-SA 2.0

Der von Ford bestellte Manager von Fordlândia, Willis Blakeley, wurde mehr durch seine Neigungen für Lustorgien und Alkoholexzesse bekannt, als für fachliches Know-how. Das frühere Mitglied in Fords Sicherheitsstab hatte nicht nur keine Ahnung von Botanik und Landwirtschaft, schlimmer noch, er ließ die Arbeiter in menschenunwürdigen Baracken ohne WC hausen und des Nachts draußen in Hängematten schlafen. Im Gegenzug residierte Blakeley in einer noblen Unterkunft. In der Regenzeit beauftragte er die Arbeiter, den Urwald zu roden, mit fatalen Folgen. Als die Arbeiter im aufgeweichten Boden stecken blieben, ließ Blakeley die Bäume tagelang mit Unmassen an Kerosin abbrennen. Es bildete sich eine riesige Feuersbrunst. Als ein Ford-Händler bei einem Besuch in Fordlândia die menschenunwürdigen Zustände und die an Malaria erkrankten Arbeiter entdeckte und Ford informierte, wurde Blakeley entlassen.

Ford hielt weiter an seinen ehrgeizigen Plänen fest. Doch nicht nur der neu bestellte Manager konnte die Situation in den Griff bekommen, auch die Stimmung unter den Arbeitern und in der Öffentlichkeit kippte zusehends. Ford wurde Raubbau wertvoller Rohstoffe vorgeworfen. Noch immer pilgerten Tausende Arbeiter nach Fordlândia, doch nur wenige blieben über einen längeren Zeitraum. Die Sterberate unter den Arbeitern und ihren Familien war hoch, bedingt durch Fieber oder Schlangenbisse. Auch die kostenlose Behandlung im Fordlândia-Krankenhaus brachte keine Besserung der Situation, bis 1930 waren etwa 300 Menschen auf dem heimischen Friedhof begraben.

Fordlândia nahm bis zuletzt anarchistische Umstände an. Das auferlegte Alkoholverbot wurde ignoriert, es bildeten sich Bars und Bordelle. Und mit der käuflichen Liebe kamen die Geschlechtskrankheiten. Spezielle Schilder wurden aufgehängt, mit denen das Unternehmen die Arbeiter vor Zahlungen warnte, falls sie wegen einem verhängnisvollen Schäferstündchen behandelt werden müssten. Immer wieder kam es zu Aufständen, die vom Militär teilweise gewaltsam aufgelöst wurden.

Nach 20 Jahren endete das ehrgeizige Vorhaben Fords in einem Fiasko. Als 1945 der synthetische Gummi entwickelt wurde, stelle Ford alle finanziellen Verpflichtungen ein. Nachdem bis hier hin über 25 Millionen US-Dollar investiert worden waren, verkaufte Fords Enkel Henry Ford II die Besitzungen für rund 250.000 US-Dollar an die brasilianische Regierung, eben die Summe, die man den Arbeitern noch als Abschlagszahlung schuldete. Ford II hatte zuvor den Vorsitz der Ford Motor Company übergeben bekommen. 800 Einwohner kämpften gegen den Verfall an, mussten jedoch kapitulieren.

In Fordlândia wurde von der Entstehung bis zur „Schließung“ der Siedlung kein einziges Pfund Kautschuk geerntet. Eine kleine Zahl an Einheimischen wohnt noch heute in den verfallenen Gebäuden und versucht zu erhalten, was noch zu erhalten ist. Henry Ford starb 1947 im Alter von 83 Jahren in seinem Anwesen Fair Lane in Dearborn, Michigan. Der Autotycoon selbst hatte Fordlândia nie betreten. (aw)

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here