„Europa in Westfalen“ wandelte Stadt zum Klassenzimmer

Auf der Burg Altena fanden Kinder den Anfang europäischer Jugendherbergen. Foto: Bildarchiv Burg Altena/Wurm

Rheine (lwl). Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) hat im Kulturerbejahr 2018 unter dem Motto „Sharing Heritage“ mit seinem Projekt „Europa in Westfalen“ Vorbilder geschaffen: Die LWL-Denkmalpflege hat mit Bildungspartnern an 22 Orten Angebote entwickelt, die Stadt und Landschaft für junge Menschen zu einem Geschichtsbuch zum Anfassen machen. Angebote wie „Franzosen helfen Düdinghausen“ oder „Europa in Münster – neue Blicke auf die Stadt“ sollten für Kinder und Jugendliche deutlich machen, dass sich europäische Geschichte an Baudenkmälern auch vor ihrer Haustür ablesen lässt. Für das Engagement bedankten sich die Projektverantwortlichen bei allen Mitwirkenden mit einem Fest in Rheine (Kreis Steinfurt). Hier zogen die Beteiligten ein Resümee und diskutierten den Blick in die Zukunft.

„Das europäische Kulturerbejahr hat gezeigt, welches Bildungspotenzial vor unserer Haustür liegt. Besonders Denkmäler bieten Lernanlässe, um sich mit historischen Zusammenhängen auseinanderzusetzen“, sagte LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger. „Diese Erfahrungen sind hilfreich, um unser Leben im Hier und Jetzt einordnen zu können und Entscheidungen für die Zukunft zu treffen.“ Sie hoffe, dass die auf der Internetseite www.europa-in-westfalen.de dokumentierten Projekte das Interesse weiterer Bildungspartner wie Schulen, Universitäten oder Museen fänden, so Rüschoff-Parzinger.

Bei einer Podiumsdiskussion stellten der Präsident des Deutschen Kulturrates, Prof. Christian Höppner, die Autorin und Regisseurin Dr. Ipek Abali sowie Prof. Dr. Susanne Keuchel, Direktorin der Akademie für Kulturelle Bildung e. V. die Notwendigkeit der generationsübergreifenden baukulturellen Bildung heraus. Der Moderator Gisbert Strotdrees bezog Jugendliche der Jugendbauhütte Soest in das Gespräch mit ein. „Wenn Bildungsangebote es schaffen, dass die mit den Denkmälern verbundene Erinnerung lebendig wird, sie zu Fragen anregen und sie eine emotionale Verbindung schaffen, trägt das zu ihrer Wertschätzung bei. Darin liegt der Schlüssel ihrer langfristigen Bewahrung. Daher sollte die aktive Begegnung mit Denkmälern eine Selbstverständlichkeit im Bildungsalltag sein“, sagte LWL-Chefdenkmalpfleger Dr. Holger Mertens.

Die Projektangebote

Im südwestfälischen Freudenberg (Kreis Siegen-Wittgenstein) machte ein Angebot den historischen Stadtkern zur Bühne. Hier schlüpften Jugendliche in historische Kostüme und machten mit kleinen Szenen – in denen auch niederländisch, spanisch und französisch gesprochen wurde – die mit Europa verbundene Stadtgeschichte lebendig. In Düdinghausen bei Medebach (Hochsauerlandkreis) erfuhren Kinder an Orginalschauplätzen, wie Franzosen ihrem Dorf in den letzten Kriegstagen 1945 halfen. In Dortmund wurde die Stadtkirche St. Reinoldi zur Kinder-Uni und die jungen „Studierenden“ lernten neben ihrer Kulturgeschichte auch die Bedeutung von Kirchen für den europäischen Städtebau kennen.

Im Weserrenaissance-Schloss Brake in Lemgo (Kreis Lippe) wurden Schüler zu Sternenguckern und befassten sich mit dem Leben des ehemaligen Schlossherren, der schon sehr europäisch lebte. Er ist viel gereist, war umfassend gebildet und mit vielen europäischen Aufgaben betraut. Und er beobachtete von seinem Schloss aus die Sterne.
In Höxter wurden Schüler zu Stadtführern für ihre internationalen Gastschüler. Im Sauerland drehten Schülerinnen einen Film über die Burg Altena, die erste und bis heute genutzte Jugendherberge Europas. Bei allen Programmpunkten tauschten sich die Jugendlichen untereinander oder auch mit Politikern über ihre Vorstellung von Europa aus. In Brake (Kreis Höxter) war der Europaabgeordnete Elmar Brok zu Gast.

Das Projekt „Europa in Westfalen“ hat europäische Zusammenhänge vor Ort sichtbar und greifbar gemacht. So erfuhren die Jugendlichen, dass die Ravensberger Spinnerei in Bielefeld britische Spuren in sich trägt oder dass die Architektur der Reinoldikirche in Dortmund in Verbindung mit Handelsbeziehungen der Hanse zu verstehen ist, weil die Bauherren Kunstwerke bei renommierten Künstlern und Handwerkern aus Brügge, Brüssel und dem Maasland bestellt haben. Oder, dass am Dortmunder Schloss Bodelschwingh ein Stück Frankreich und England zu finden ist. Lange Zeit gehörte ein barocker Garten nach französischem Vorbild zur Schlossanlage. In den 1860er wandelte er sich zu einem Landschaftsgarten, wie er zu der Zeit in England üblich war. Auch im Kloster Bentlage in Rheine konnten Kinder und Jugendliche zahlreiche verborgene europäische Geheimnisse finden.

„Denkmäler lassen sich gut in den Bildungsalltag integrieren. Das haben alle Angebote unserer Mitstreiter bestätigt“, sagte LWL-Denkmalpflegerin Dr. Barbara Seifen. An 22 westfälischen Denkmalorten wurden Kinder, Jugendliche und Studierende zu Spurensuchern der europäischen Geschichte. Sie haben den europäischen Code von Denkmälern geknackt, in dem sie sich mit ihren Bau- und Nutzungsgeschichten, ihren Baustilen oder mit den Biografien von früheren Bewohnern, Machthabern, Geistlichen oder Künstlern befasst haben. „Alle Projekte haben bewiesen, dass Baudenkmäler Ausgangspunkte für zahlreiche aktuelle Gesprächsthemen sind.

Junge Menschen sind über den Sinn und Unsinn von Grenzen, über das Fremde im Eigenen, über Kulturaustausch, über das Neue im Alten, über das Lebensgefühl im eigenen Zuhause und vieles mehr ins Gespräch gekommen“, so Dr. Oliver Karnau, der das Projekt gemeinsam mit Seifen geleitet hat. „So macht Geschichte Spaß – wenn der Unterricht draußen stattfindet, kann man sich bewegen und erfährt tolle Geschichten, die ich mir gut merken kann“, sagte ein elfjähriger Schüler auf der Veranstaltung, in Bentlage.

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