„Elf“ von Jan Heilig

Foto: Heike Hartnauer, h-art-nauer.weebly.com

1. Die Schule im Nebel
Die Bäume pfeifen im Wind. Nebel weht den Hügel herauf. Bläst über das kleine Schulgebäude. Bläst auf dem Schulhof dem Direktor das Streichholz aus. Der Mann mit dem weißen Bart neben ihm nimmt seinen Hut ab und hält ihn hilfsbereit als Abschirmung davor. Endlich glüht es kurz auf. Der Schulleiter macht einen tiefen Zug – und hustet.

“Verdammtes Wetter!” Noch einen Zug, ganz tief. Dem Nebel entkommt er damit aber nicht. Also drückt er die halb gerauchte Kippe wieder aus und öffnet für seinen Gast die große Eingangstür. Anders als der überfein gekleidete Direktor mit seiner Krawatte trägt der Professor festes Schuhwerk und einen billigen Trenchcoat. Die kleine Schule steht am Rande der Wildnis – oben auf einem Bergsattel. Und der Mann aus der Hauptstadt wollte lieber vorbereitet sein. Er sieht kurz in die leuchtenden Fenster. Kinder sitzen an ihren Pulten. Bunten Kleider, unschuldige Gesichter, die Augen glänzend vor Konzentration. Er sieht zum Wald. Nur die Spitzen der Eschen und Ulmen ragen aus dem Grau. Der Nebel verdeckt fast alles. Verdeckt das Dorf am Hang. Verdeckt so manches Geheimnis. Im Wald wohnen unsere Ängste und Träume. Und Grau ist keine Farbe.

“Bitte, Herr Professor.” Der Direktor wartet und der alte Mann nickt und geht nach drinnen. Heute wollen sie versuchen, ein wenig Nebel zu verscheuchen. Vielleicht kann man ihm ja doch entkommen.

2. Der neue Schüler
Die Lehrerin hat ihre Klasse kurz alleine gelassen. Es ist nicht laut, als sie jetzt zurückkehrt, denn die Schüler mögen sie. Und dazu ist dies hier kein Londoner Klassenzimmer, sondern Hoia Baicu. Die kleine Provinz in Rumänien ist vor allem für die Spukgeschichten aus ihrem Geisterwald berühmt. Aber eigentlich ist es nur ein Ort am Rande Europas. Und dort vergeht die Zeit langsamer. In den Holztischen sehen die Schüler noch die Kratzer und Schnitzbilder ihrer Großeltern aus der Zeit vor dem Krieg.

Heute bringt die Lehrerin jemanden mit, hinter ihrer schlanken Gestalt versteckt sich ein kleiner Junge. In der Klasse wird es so ruhig, dass man das leise Säuseln des Windes von draussen hören kann.

“Kinder, dies ist euer neuer Klassenkamerad, leider habe ich seinen Namen noch nicht herausbekommen. Aber sobald er unsere Sprache gelernt hat, kann er ihn uns ja selber sagen. Seid also nett zu ihm. Eva, bei Dir ist noch frei.” Sie bringt den Jungen zu dem Platz neben dem braunhaarigen Mädchen mit Zöpfen. Jetzt raunen die Kinder doch, denn der Junge hat nicht nur fast schwarze, wuschelige Locken, wie sie hier selten zu sehen sind, sonder dazwischen blitzen auch hell seine Ohren auf – und mit denen stimmt etwas nicht. Eva macht ihm bereitwillig Platz, aber auch sie blickt ihn unverwandt an.

“Der hat ja spitze Ohren!”, platzt es aus Jeremy heraus, dem Lautsprecher der Klasse.
“Jeremy! Ich sagte ‘nett’ sein!”
“Aber das ist komisch!” Die Lehrerin kommt zu seinem Tisch.
“Komisch ist, daß ich deine Hausaufgaben gar nicht sehe.” Jeremy hebt die Schultern.
“Ich musste zur Pflaumen-Ernte.” Die Lehrerin blickt sich um.
“Wer hat sie denn gemacht?” Jetzt wendet sich Eva von dem Neuen ab und meldet sich. Vor ihr auf dem Tisch liegt ein herrlich buntes Bild.
“Noch jemand außer Eva?”

Die Lehrerin geht durch die Reihen und Eva nimmt ihr Bild in die Hand.

“Das ist Bunny.”, erklärt sie ihrem neuen Sitznachbarn. Der rührt sich nicht, also hält sie ihm das Bild unter die Nase. Darauf ist eine Schildkröte zu sehen.

“Ich wollte eigentlich ein Kaninchen. Aber eine Schildkröte ist auch ok. Sie ist fast wie ein Kaninchen, nur kleiner und langsamer und nicht so flauschig. Aber sie mag Karotten. Schau mal, da. Ganz viele davon – weil sie Geburtstag hat.” Die Lehrerin ist wieder an ihrem Platz am Pult angekommen.

“Also gut, Kinder! Einige von Euch hatten keine Zeit, dann dürft ihr es jetzt nachholen. Die anderen malen einfach ein zweites Bild – aber diesmal malt ihr Euch selber. Als Fantasiefigur. Malt, wie ihr gerne einmal sein wollt.” Eva reißt ein Blatt aus ihrem Block und legt es dem Jungen hin. Ebenso verteilt sie alle ihre Malstifte in der Tischmitte.

“Kannst dir nehmen, was du brauchst.” Jetzt kommt zum ersten Mal Bewegung in den Jungen. Er sieht sich die Zeichensachen an, schiebt langsam die bunten Farben zur Seite und greift nach dem dicksten Stift in Schwarz.

3. Das schwarze Gesicht
Die Kinder sind eifrig am Zeichnen. Jeremy blickt auf das Bild seines Sitznachbarn und schüttelt den Kopf.
“Was malst du da für ein Pups? Batman hat doch kein Gewehr!” Der Junge zieht sein Bild ein Stück weg.
“Ist doch egal!”
“Ist es nicht! Mann, bist du dumm, du wirst nie Batman sein! Und der Gürtel ist nicht grün, sondern gelb!”
“Ich hab aber nur Grün!” Die Lehrerin kommt vorbei.
“Jeremy!” Der schnaubt nur und malt weiter an seinem Bild, auf dem er sich selbst mit der Uniform eines Generals gemalt hat. Und mit einem Gewehr. Und einer dicken Goldkette, was bei Generälen eher unüblich ist – aber das behält die Lehrerin für sich. Sie kommt an Evas Tisch. Ihr Bild zeigt eine sonnige Insel. Eine Palme, etwas Sand, und der gesamte Platz ist mit Kaninchen bevölkert, jedes in einer anderen Farbe. Sie sehen aus, wie Ostereier mit Ohren. Mitten drin sitzt sie selber, und füttert ihren kleinen Zoo mit Karotten. Der stille Junge neben ihr hat jedoch ein ganz anderes Bild gemalt. Eines, daß die Lehrerin frösteln lässt. Das Blatt ist jetzt komplett schwarz – nur in der Mitte hat er zwei Ovale frei gelassen und Pupillen hinein gemalt. Starre Augen, die sie verfolgen, als sie am Tisch vorbei geht. Die Lehrerin blickt aus dem Fenster in das dämmrige Grau. Auf dem Schulhof kann sie die Zigarette ihres Direktors glühen sehen – neben ihm leuchtet schwach der helle Bart des Professors. Als der kurz zu ihr herüber schaut, schüttelt sie ganz leicht den Kopf.

Der Direktor zieht an seiner immerwährenden Kippe, offenbar gönnt er sich nach jeder Stunde eine.
“Ich kann mir nicht vorstellen, wie das funktionieren soll, Herr Professor.” Er bekommt keine Antwort, aber der Ältere sieht schon wieder hinab in den Wald, der sich durch das ganze Tal zieht.
“Erstes Mal hier, oder?”
“Ja.”, nickt der Professor.
“Im Sommer kommen die Touristen, Franzosen, Engländer, sogar welche aus den Staaten – gehen auf Erkundungstouren durchs den ganzen Forst. Die einen suchen Ufos, die anderen Geister. Früher waren es noch Elfen oder Vampire. Mein Schwager bietet Touren an.”
“Ach wirklich?”
“Ist ein gutes Geschäft. Aber ich wollte lieber etwas Reifes tun, mit Sinn. So eine Schule, das ist eine große Verantwortung.” Der Professor sieht zu den vier Klassenräumen, aus denen diese Schule besteht. Die Verantwortung hält sich da in Grenzen.
“Erst dachte ich, sie kommen auch deswegen.” Er nickt zum nebligen Wald.
“Daß die Regierung jetzt auch noch irgend so ein spinnertes Forschungsprojekt finanziert – zu den Mysterien von Hoia Baicu.” Er kichert kurz, dann drückt er seine Zigarette am Holzzaun des Schulhofes aus.
“Naja – mal sehen, wie’s mit ihrer Idee läuft. Ich muss rein, sie verstehen schon – Arbeit.”

Der Professor bleibt zurück und setzt sich auf eine Bank. Er kennt die Geschichten über den Wald. Obwohl er nicht groß ist, kann man sich darin verirren. Und in der Mitte gibt es eine fast kreisrunde Lichtung, auf der seit Jahrzehnten nichts wächst. Es gibt dafür keine natürliche Erklärung, aber so ist es eben. Das Internet ist voller Spekulationen darüber. Ohne den Nebel könnte er den Flecken bestimmt von hier oben aus sehen. Doch wenn er den grauen Schwaden eine Weile lang mit den Augen folgt, dann erkennt er, daß sie nicht in eine Richtung ziehen. Stattdessen kreisen sie langsam aber eindeutig um irgendeinen Punkt unten im Tal. Einen Punkt, an dem er keine Baumwipfel erkennen kann.

4. Die Maske
Es klingelt zur ersten Pause und die Kinder stürmen mit dem üblichen Jubelschrei nach draußen. Nur der merkwürdige Junge mit den spitzen Ohren rührt sich nicht. Eva holt zwei Apfelhälften aus ihrer Tasche, für sie beide – er hat ja nichts dabei.
“Kommst Du mit, wir gehen jetzt in die…?”, Sie bricht ab, denn der Platz neben ihr ist leer. Auch an der Tür ist ihr Sitznachbar nicht. Sie steht auf und geht auf den Pausenhof, schaut sich um – aber sie kann ihn nicht entdecken. Mitten im Schulhof ist ein kleiner Kletterfelsen, ein Stück Berg, daß hier schon vor der Schule aus dem Boden ragte. Die Jungen haben ihn besetzt, wie jede Pause, und ganz oben hockt Jeremy.

“Spock hat auch so Ohren!” meint sein Sitznachbar gerade. Jeremy lacht.
“Und die Schweine bei uns auf dem Hof auch.” Er grunzt übertrieben und die Jungen machen es ihm nach und kichern. Eva geht an dem Affenfelsen vorbei und setzt sich zu ein paar Freundinnen.
“Ob seine Eltern auch so Ohren haben?” meint ein Mädchen grade, daß alle immer nur Wizzy nennen. Seit ‘Wizzardizzard’ im Fernsehen läuft, geben sich die Mädchen gerne die Spitznamen der Heldinnen.
“Vielleicht sind die Elfen?”, meint Kyriezz, noch so ein Name aus der Serie, der wesentlich interessanter klingt als Katja. Die Mädchen blicken automatisch zum Wald. Wo sonst könnten Elfen wohnen?
“Es gibt welche in Santinavien.”, überlegt Wizzy weiter, aber Zzaty, die dritte im Bunde, korrigiert sie:
“‘Skandinavien’ heißt das. Aber hab ich auch gehört. Was malt er?” Die Frage geht an Eva, für die kein Name mehr frei war, da es nur drei Heldinnen in der Serie gibt – und die daraufhin freiwillig verzichtet hat. Sie folgt Zzatys Blick und sieht den möglichen Elfen in einer dunklen Ecke sitzen. ‘Wie ist er nur hier rausgekommen’, überlegt sie. Er hat sich ein Blatt Papier mit nach draußen gebracht und malt trotz des Windes weiter. Eva geht zu ihm und sieht ihm über die Schulter. Auf dem Blatt entsteht exakt dieselbe Zeichnung wie zuvor: Alles schwarz, in der Mitte zwei Augen wie Löcher. Eva geht um ihn herum und hockt sich hin.
“Lächelt der oder weint der?” Der Junge reagiert nicht. Eva zieht ihre eigenen Mundwinkel mit den Fingern nach oben und spricht langsam und deutlich.
“Lächeln. So.” Dann zieht sie die Mundwinkel herunter.
“Und Weinen.” Jetzt hebt der Junge die Augen und blickt sie an. Ein starrer Blick, Eva blinzelt kurz, aber dann lächelt sie ihn an.

“Lächeln.” Es dauert ein paar Sekunden, dann werden seine Gesichtszüge etwas weicher und die Augen scheinen Eva nun endlich zu sehen. Fast kann sie auch ein kleines Lächeln erkennen, da reißt eine Hand seine Zeichnung vor ihm weg.
“HEYYY, seht mal!”, schreit Jeremy und wedelt mit dem schwarzen Bild in der Luft. Er sticht mit dem Finger zwei Löcher durch die Stellen mit den Augen und hält es sich vor das Gesicht. So springt er kurz auf Eva zu und ruft:
“BUH!” Dann rennt er davon. Eva hinter ihm her.

“Gib das sofort zurück!” Jeremy jagd wie ein glücklicher Straßenköter mit seiner Beute über den Schulhof und wiederholt seinen Witz mit anderen Kindern, bis Eva bei ihm ist. Er lässt sie ein paar Mal vergeblich nach dem Bild schnappen, aber schließlich wirft er es in den Mülleimer – einen mit Klappe, man kommt mit dem Arm nicht weit hinein. Während er zufrieden davon schlendert, versucht Eva vergeblich, das Blatt Papier wieder herauszufischen. Als es klingelt, sieht sie sich um – der fremde Junge ist erneut verschwunden. Auf dem Schulhof sitzt auch dieser alte Mann mit Bart, den Eva heute morgen schon gesehen hatte mit dem Direktor. Er liest in einer Art Mappe. Sie sucht weiter mit den Augen und dann sieht sie die wuscheligen Haare hinter den Fensterscheiben ihres Klassenraumes und geht hinein.

Als der Unterricht weitergeht, erhebt sich der Professor und öffnet die Klappe des Mülleimers. Sein Arm ist lang genug. Er fischt das zerknüllte Papier heraus und streicht es glatt. Eine Weile betrachtet er die Zeichnung – die jetzt unfreiwillig zu einer Maske geworden ist. Dann öffnet er seine Ledermappe und legt das schwarze Gesicht hinein. Zu einem Stapel anderer Blätter. Alle Schwarz angemalt. Mit stechenden Augen in der Mitte.

5. Das Lächeln
Eva hat einen Halbmond aus Karton ausgeschnitten – sie will ihn über ihrem Häuschen befestigen. Es ist Bastelstunde, die Schüler sind emsig am Werkeln und Kleben. Jeremy gibt ab und zu ein Grunzen von sich, und die meisten Jungen kichern dann. Nur der neue Junge nicht. Er bastelt auch nicht. Stattdessen sitzt er weiter stur vor einem neuen Blatt, den schwarzen Stift in der Hand, und malt schon wieder. Die gleiche Dunkelheit. Die gleichen stechenden Augen. Die Lehrerin lässt ihn. Aber Eva schneidet aus Karton zwei Ohren aus – sie sehen zumindest recht ähnlich aus. Und sie hat oben kleine Spitzen gelassen. Sie legt die Kartonstücke rechts und links neben das schwarze Bild ihres Nachbarn. Jetzt wird daraus ein richtiges Gesicht. Ohne Ausdruck, aber jedenfalls nicht mehr nur ein starrer Blick im Nichts. Der Junge hört auf zu zeichnen. Eva grinst:

“Jetzt sieht es aus wie ein Elf. So wie du.” Sie zeigt auf die Ohren des Jungen. Der lehnt sich reflexartig zurück. Eva zuckt die Schultern.
“Ich nenn’ dich so, ok? Du brauchst doch einen Namen. Ich bin Eva.” Sie deutet auf ihre Brust, und dann auf seine.
“Und du bist Elf!” Der Junge deutet auf sich.
“Ja, genau.”, nickt Eva.
“Elf. Und ich Eva.” Der Junge sieht sie weiter unsicher an.
“Sag mal: Elf – Eva – Lächeln.”, ermuntert sie ihn. Sie zieht erneut ihre Mundwinkel demonstrativ mit ihren Fingern nach oben, wie schon im Schulhof.
“Lächeln! Weißt Du noch?” Er reagiert nicht, also nimmt sie kurzerhand ihren Papier-Mond und legt ihn mitten auf sein Bild. Richtig herum natürlich. Das Gesicht auf dem Papier verwandelt sich schon wieder – alles Beängstigende ist verschwunden.
“Lächeln!” sagt Eva stolz. Der Junge sieht unverwandt auf das Bild – und dann heben sich auch seine Mundwinkel ganz leicht. Eva klatscht vor Freude in die Hände.

“Kinder, ich lass Euch kurz alleine. Keinen Unsinn machen!”, ruft die Lehrerin und beeilt sich, um in das kleine Büro des Direktors zu kommen. Dort sitzen der Professor und der Direktor grade bei einem Tuica, dem rumänischen Nationalgetränk: Alkohol, der nach Pflaumen schmeckt. Oder auch nicht, aber er wird zumindest daraus hergestellt.
“Herr Professor? Es gibt eine Veränderung!”, berichtet sie aufgeregt. Die Augen des alten Mannes beginnen zu leuchten, und sie fährt fort:
“Ja also das Bild – es lächelt jetzt.”
“Es lächelt?”, fragt der Direktor.
“Ja, er hat Karton hinzugefügt, zwei Ohren und einen Mund. Einen lächelnden Mund.” Jetzt lächelt auch der Professor.
“Großartig, ganz großartig! Es ist das Mädchen, nicht wahr?”
“Ja, Eva, sie hat sehr viel Fantasie.” Der Schuldirektor wiegt skeptisch den Kopf hin und her.
“Zeichnen ist nicht sprechen.” Er wendet sich an seine Angestellte:
“Vielleicht, wenn sie ihn ein wenig ermutigen, da gibt es doch bestimmt ein paar Übungen, die wir…”
“Auf keinen Fall!” Der Professor hebt beide Hände.
“Das alles haben wir schon versucht. Wir sind hier, um etwas Neues zu probieren. Lassen sie es sich einfach entwickeln, dieses Experiment benötigt Zeit und..” er unterbricht sich, denn aus dem Klassenzimmer dringt Kindergekreische zu ihnen herüber.

“LASS IHN IN RUHE!” Eva hat sich vor Jeremy aufgebaut, und schirmt damit den fremden Jungen ab. Aber Jeremy ist grade voll in Fahrt.
“Er ist keine Elf!”
“Ist er wohl!
“Ist er nicht!”
“Woher willst DU das wissen?!” Eva ist selten so zornig, aber jetzt hat sie die Hände in die Hüften gestemmt.
“Pah! Kuck mal.” Jeremy springt einfach um Eva herum und greift blitzschnell nach den spitzen Ohren des Jungen. Eva versucht noch, ihn festzuhalten, aber es ist schon zu spät. Die Ohren haben sich gelöst und der Junge kreischt auf. Das erste Mal, daß er überhaupt etwas von sich gibt. Ein hoher, verzweifelter Schrei, wie ihn Kaninchen in Todesangst ausstoßen. Er bricht auf dem Boden zusammen und versteckt seinen Kopf zwischen den Armen. Aber Eva hat in der einen Sekunde gesehen, was mit seinen Ohren wirklich ist: Der Junge hat überhaupt keine! Stattdessen hat sie Narben gesehen – wulstiges rotes Gewebe, Knubbel und Hautfetzen. Es ist furchtbar.
Jeremy stößt ein Freudengeheul aus und wirbelt eine Art Spange mit den beiden spitzen Ohr-Attrappen in der Luft herum.

“Seht ihr, seht ihr?”
Die anderen Kinder sind ebenfalls aufgesprungen, um besser sehen zu können.
“Gib sofort her!” Eva greift nach den Ohren, und er spielt das Kriegst-es-nicht-Spiel noch einmal, aber dann stolpert er und kracht über einen Tisch. Die Spange fällt ihm mit Schwung aus der Hand und knallt auf den harten Boden. Dort zerbricht sie in zwei Teile. Eva hält die Hände vor den Mund vor Schreck und dreht sich nach dem Jungen um. Aber der ist verschwunden. Schon wieder.

6. Die Suche
“Was ist hier denn los?” Die Lehrerin steht in der Tür des Klassenzimmers. Sofort flitzen die Kinder auf ihre Plätze. Bevor Eva irgendetwas sagen kann, taucht hinter der Lehrerin der Professor auf.
“Der Junge?”, fragt er. Aber als er in Evas Händen die Spange sieht – zerbrochen – drängt er sich schnell in den Raum, hinter ihm folgt der Direktor.
“Sie sind kaputt.”, murmelt Eva geknickt. Sie hat Jeremy noch nicht verraten, der versucht, sich so klein wie möglich zu machen.
“Wo ist der Junge?”, wiederholt der Professor. Eva blickt sich um – und sieht die hintere Tür zum Hof, die ein Stück offen steht.
“DA!”, ruft sie und läuft los. Sie ist schon durch die Tür, bevor die Lehrerin sie zurückpfeifen kann. Die Erwachsenen stürmen hinterher – einige der Kinder wollen folgen, aber die Lehrerin breitet die Arme aus und hält sie zurück. Eva ist derweilen über den Hof geeilt. Der Zaun um die Schule hat Lücken und hinter einer zittern noch ein paar Büsche. Dort entlang muss ihr Elfenjunge geflüchtet sein: Den Hang hinab in den Wald. Der Professor und der Direktor sind gefolgt, und können das Mädchen nur noch ebenfalls im Buschwerk verschwinden sehen.
“Großartig!”, schimpft der Direktor und läuft zum Zaun.
“Einfach laufen lassen, hm? Das ist ein Labyrinth da drinnen – und alles völlig vermatscht bei dem Wetter.” Er drück zwei Holzlatten auseinander.
“Sie zahlen mir die Schuhe!” Der Professor will etwas sagen, aber der Direktor schlittert mit einem lauten Ruf den Abhang hinab zwischen die Büsche und gerät außer Sicht. Die Lehrerin, die endlich alle Kinder wieder in den Klassenraum zurückmanövriert hat, kommt zu ihm.
“Es tut mir aufrichtig leid!”, sagt er. Aber sie schüttelt nur den Kopf.
“Nein, das war mein Fehler.” Der Professor sieht sie fragend an.
“Ich war zu ungeduldig. Ich hätte in der Klasse bleiben sollen. Was werden sie jetzt tun?”
“Ihn suchen gehen.”
“Ist das schlau? Der Direktor sucht ihn doch schon. Und er kennt den Wald.” Der Professor lächelt.
“Ja. Aber ich kenne den Jungen.”

Eva kennt sich hier ebenfalls aus – es war nicht erlaubt, aber natürlich haben alle Kinder den Wald um die Schule erkundet – es ist ihr verlängerter Spielplatz, hier gibt es tausend Verstecke.
“EEELF!”, ruft sie.
“Wo bist duuuuu?” Sie steigt immer tiefer hinab – dies ist die Seite, die in das Tal von Hoia Baicu führt, ihr Dorf liegt auf der anderen Seite des Hügelkammes – hier wohnt niemand und nach eine Weile kommt sie in den Bereich, den sie nicht mehr so gut kennt. Also holt sie ein Packung Tempos heraus und klemmt eines der weißen Papiertücher möglichst sichtbar in eine Astgabel. Dann läuft sie weiter, bis sie den hellen Fleck gerade noch so erkennen kann. Und befestigt hier ihr nächstes Tuch in einem Baum. Ein riskantes Spiel im Nebel, aber die Sorge um den Jungen ist größer und sie arbeitet sich weiter voran. Ihre Schuhe sind längst durchweicht und der Hang hier ist steil und glitschig, denn der Boden ist voller Blätter und darunter kann der Boden urplötzlich nachgeben – man sieht es nicht.

Nach kurzer Zeit kommt sie an die Grenze des Buschwerkes und bleibt stehen. Etwas hat sich verändert, als wäre sie über eine unsichtbare Schwelle gekommen. Sie stehen weiter auseinander, es wirkt wie eine Säulenhalle im Grau der Nebelschwaden. Die Geräusche sind hier gedämpft, die Luft ist kälter und auf einmal ist sie sich unsicher.

“Elf?” Sie lauscht. Außer einem Tropfen, der hier und da von Blättern auf den Boden ploppt, ist alles still. Sie sieht sich um – und da bemerkt sie erschrocken, daß ihr letztes Taschentuch verschwunden ist – der Nebel ist zu dicht hier. Sie weiß schon jetzt nicht mehr genau, in welcher Richtung der Rückweg liegt. Zögernd macht sie ein paar Schritte in die nächstbeste Richtung. Doch nach einer Weile merkt sie: Hier kommt keine Steigung. Ihr wird langsam klar: Sie hat sich verlaufen. Und dann bleibt sie wie angewurzelt stehen. Etwas weiter vor ihr scheint etwas aus dem Boden zu steigen – dürre Äste. Nein, es sind keine Äste. Arme! Das sind Arme, die dort aus der Erde kommen. Und dann wendet sich ihr ein dunkles Gesicht zu – mit zwei stechenden Augen. Eva stößt einen schrillen Schrei aus.

7. Das Geheimnis
Etwas kommt den Hang heruntergeschlittert, rauscht durch Büsche und krallt sich schließlich an einem großen Ast fest. Der Ast bricht unter dem Schwung entzwei und der Direktor landet rücklings in der feuchten Erde. Der Matsch durchdringt sofort seinen Hosenboden
“Herrgott!”, flucht er und rappelt sich mühsam wieder auf. Da meint er, im Wind einen fernen Schrei zu hören. Das müssen sie sein!
“WENN ICH EUCH ERWISCHE!” Er läuft etwas seitlich und streift sich dabei den Schmodder vom ruinierten Jacket. Vor ihm taucht ein großer Findling auf. Er hält inne und lässt die Schultern hängen.
“Hier … war ich doch schon?” Er dreht sich um und stapft in die andere Richtung davon. Weg von der Senke, in der sich Eva hingekniet hat. Sie hat ihn zwar gehört, aber als er seine Drohung gebrüllt hat, ist sie lieber still geblieben. Wegen ihm, dem Jungen: Vor ihr in einer Mulde liegt er – sein Arme fuchteln in der Luft herum. Von weitem hatte es sie erschreckt. Und noch mehr sein verändertes Gesicht: Er hat es mit Dreck beschmiert, so dass es fast schwarz geworden ist. Und auch fast unsichtbar hier im dunklen Wald. Aber jetzt hat sie vor allem Angst um ihn – denn er will sich überhaupt nicht beruhigen. Ja, er nimmt sie nicht einmal wahr. Stattdessen scheint er mit einem unsichtbaren Gegner zu kämpfen. Und immer wieder hält er sich die Hände an die Narben – dort, wo einmal Ohren gewesen sein müssen. Eva sieht hilflos auf die zerbrochene Spange, die sie mitgenommen hat. Der Plastikbügel ist zerbrochen, das ist nicht zu reparieren. Was kann sie denn noch tun?
“Du kannst jetzt gar nichts tun!” Sie fährt herum. Hinter ihr steht der Professor. Nur leicht verdreckte Schuhe. Auf der Hutkrempe haben sich ein paar Blätter niedergelassen. Er geht zu einem umgestürzten Baum, setzt sich hin und schüttelt den Hut aus.
“Eva, richtig?” Sie nickt, immer noch misstrauisch.
“Deine Taschentücher haben mich hergeführt. Du bist wirklich schlau.” Sie zuckt die Schultern und wendet sie sich wieder dem Jungen zu. Die starren Augen, die zuckenden Arme.
“Was ist mit ihm?” Der Professor seufzt.
“Es muss ein Trauma sein.” Als sie nur den Kopf schräg legt, erklärt er:
”Das ist wie ein Albtraum, der nicht weggeht. Auch am Tag nicht – weil er ihn wohl einmal erlebt hat.”
“Was hat er erlebt?” Der Professor bleibt lange still, aber schließlich stößt er einen Seufzer aus und erklärt:.
“Die Ohren…jemand hat sie ihm abgeschnitten. Wo er herkommt, ist Krieg. Da geschehen schlimme Dinge.” Eva hebt die zerbrochenen Hälften der Elfenohr-Attrappe hoch.
“Und die hier?”
“Eine Verkleidung. Ein Witzbold im Flüchtlingsheim hat sie ihm aufgesetzt. Aber seit er sie trägt, verhält er sich mehr oder weniger normal. Nur … spricht er einfach nicht. Kein Wort, solange ich ihn schon betreue.” Der Junge zuckt wieder, gibt ein Stöhnen von sich. Eva sieht die kaputten Ohrspange an. Dann zieht sie kurzerhand ihre eigene Haarspange aus.
“Wenn er nicht spricht – woher wissen sie dann das alles?” Der Professor muss lächeln.
“Gute Frage.” Eva schiebt ihren eigenen Haarreif in die kleinen Laschen an den spitzen Gummiohren. Es hält ganz gut.
“Weil – ohne Ohren können sie es ja gar nicht wissen. Vielleicht ist er ja doch ein Elf.”
Sie rutscht hinter den Kopf des Jungen und setzt ihm die geflickten Ohren auf. Der Professor hat sich erhoben und kommt neugierig näher. Das Zucken in den Armen des Jungen lässt langsam nach. Er hebt seine Hände an den Kopf und befühlt vorsichtig die Gummiohren. Der Atem wird ruhiger. Eva lächelt und der Professor kniet sich zu ihnen hin und schüttelt anerkennend den Kopf.
“Du hast recht, Eva. Genau wissen kann man es nicht.” In dem Augenblick ertönt aus der Nähe ein zorniger Ruf.
“ICH FINDE EUCH, IHR BALGEN!” Eva und der Professor sehen sich an: Der Direktor! Sie spähen in den Nebel, können aber nichts sehen. Als sie sich wieder dem Jungen zuwenden – ist der verschwunden.
“Sehen sie? Er kann einfach so verschwinden. Wie die Elfen.”
Eva springt auf und läuft aufs Geratewohl in eine Richtung. Der Professor hinterher.
“Warte doch!” Aber Eva bleibt erst stehen, als vor ihr keine Bäume mehr sind. Sie weiß automatisch, wo sie gelandet ist – alle Menschen hier kennen diesen Ort: Die Lichtung. Das Zentrum von Hoia Baicu. Dicke Nebelschwaden ziehen darüber hin. Der Professor holt sie ein und auch er hält vor der weißen Leere vor ihnen inne. Dieser Ort hat eine ganz besondere Atmosphäre. Es ist zu still, man läuft nicht einfach dort hinein.
“Ja, Eva.”, sagt der Professor etwas außer Atem.
“Er kann sich ganz gut davon schleichen, das hat ihm vielleicht im Krieg das Leben gerettet. Er kann sich auch sehr gut tarnen und verstecken, aber deswegen ist er noch kein..”
“Da!” ruft Eva und zeigt in den Nebel auf der Lichtung.
“Er kann auch einfach so auftauchen! Schaun sie doch, dort!” Sie zeigt auf eine Schatten vor ihnen. Ganz schwach ist im Nebel auf der Lichtung eine Gestalt zu erkennen. Mit spitzen Ohren.

8. Rückkehr
Der Direktor hat schon dreimal vergeblich versucht, sich unterwegs eine Zigarette anzustecken – aber die Hangwinde sind zu stark. Dabei hätte er sie weiß Gott verdient, nach all dem Stress. Er kennt sich gut aus im Wald, früher ist er mit seinem Bruder hier herumgestrobert. Sie haben tausend dumme Kinderspiele erfunden. Eigentlich müsste hier bald der berühmte freie Kreis kommen. Den haben sie als Kinder immer gemieden, aus Aberglauben. Tatsächlich – nach ein paar Schritten kommt er durch die Bäume auf das freie Rund und grinst. Seine Ortskenntnis ist einfach unschlagbar. Der Nebel ist hier offenbar am dicksten. Doch dafür hat der Wind sich gelegt – wie im Auge eines Orkans. Er holt die Streichhölzer und Zigaretten hervor, lehnt sich an einen Baumstamm und genießt endlich den Rauch. Warum auch nicht, in dem Nebel können auch die Ausreißer nicht allzu weit gekommen sein. Er wird sie schon finden. Nach einer Weile kommt es ihm allerdings so vor, als ob er weiter draußen auf der Lichtung gedämpfte Geräusche wahrnimmt – als würde irgendetwas durch das Gras rascheln.
“ICH FINDE EUCH!” ruft er noch einmal, der Ärger ist wieder da, und er hustet und spuckt aus. Er drückt die Zigarette in den weichen Matsch und geht los – in den Nebel hinein, und ganz kurz fröstelt es ihn. Er kickt vor Ärger einen Ast zur Seite, er ist doch kein Kind mehr. Hier gibt es nichts, vor dem man sich ängstigen müsste – höchstens vor ihm selber. Der Gedanke lässt ihn grinsen. Die Geräusche kommen eindeutig von Links und er beeilt sich.

Eva und der Professor folgen dem Schatten immer weiter in den Nebel, sie haben jede Orientierung verloren und von dem Jungen vorne sind keinerlei Geräusche zu hören. Den Direktor haben sie dagegen sehr deutlich vernommen, er hat ein paar Mal gerufen, zum Glück ziemlich weit zu ihrer Linken. Der Professor hält mit verschwörerischem Grinsen einen Finger an den Mund und Eva nickt. Beide haben gerade keine große Lust auf eine Begegnung. Sie sind so leise, wie sie nur können und schleichen sich durch das Heidegras. Es scheint wirklich lange zu dauern, dabei ist diese Lichtung doch eigentlich nicht sehr groß. Der Professor hat sich das rein interessehalber mal auf einer Landkarte angesehen. Dann bleibt Eva stehen – sie hat ihren Führer aus den Augen verloren. Als der Professor seine Brille von den Nebeltröpfchen befreit hat, meint er, ein dunkleres Band im Nebelgrau zu erkennen, zu ihrer Rechten. Sie wenden sich dorthin – und richtig: Endlich kommen sie wieder unter Bäume. Eva stößt einen kleinen Freudenruf aus: Hinter einem Baum sehen sie einen Lockenkopf hervorschauen. Eine Hand winkt ihnen.
“Elf! Wo warst du denn?” Aber der Junge sieht an Eva vorbei, als würde er im Nebel etwas erkennen. Eva und der Professor folgen seinem Blick, aber dort ist alles nur grau.
“Siehst Du etwas?”, fragt der alte Mann das Mädchen. Aber sie schüttelt den Kopf und nickt in die Richtung, aus der sie gekommen sind.
“Wissen sie was? Ich glaube, das war gar nicht er.”
“Wer?”
“Der uns hergebracht hat.” Der Professor lächelt.
“Ich habe im Nebel nicht viel erkannt, aber seine Ohren habe ich schon gesehen. Ist doch ziemlich unwahrscheinlich, daß es hier besonders viele Leute mit solchen Ohren gibt!”
“Und wenn doch? Elfen helfen einander, das wissen alle. Sie helfen auch den Menschen. Solange sie niemand zu Gesicht bekommt.” Der Junge beobachtet jetzt den alten Mann. Fast so, als würde er verstehen, dass es um ihn geht.
“Nehmen wir an, es wäre so. Und unser Junge wäre ein Elf – wer hätte sowas getan, mit seinen Ohren?”
“Menschen tun so was – haben sie selber gesagt!” Der Professor schweigt. Was würde einem echten Elfen widerfahren, wenn er uns Menschen in die Hände fiele? Die schon vor den eigenen Kindern nicht Halt machen? Er seufzt, und da sieht im der Junge direkt ins Auge. Es dauert nur einen Augenblick aber der alte Mann fühlt einen Stich im Herzen und aus einer Regung heraus kniet er sich hin und legt ihm kurz den Arm auf die Schulter. Der Junge lässt es zu.
“Wollen wir zurück gehen, kleiner Elf?” Eva kommt dazu und nimmt die Hand des Jungen. Und so gehen sie langsam zum Hang und dort findet Eva schließlich ein kleines leuchtendes Taschentuch in einer Astgabel – ihre Markierung. Sie steigen gemeinsam die Anhöhe hinauf, während der Direktor immer noch auf der Lichtung irgendwelchen Geräuschen nachirrt.

9. Erwachen
Die Lehrerin entdeckt fast augenblicklich durchs Fenster, wie die drei aus den Büschen auftauchen. Eva, der Junge und der Professor. Jetzt klatscht sie in die Hände:
“Kinder, wir machen etwas früher Schluss, es war ein aufregender Morgen – ab in die Pause!” Die Kinder stürmen nach draußen und hüpfen um die Neuankömmlinge herum. Diesmal ist die Stimmung ganz anders. Eva und der Junge werden mit tausend Fragen bombardiert. Der Professor fasst der Lehrerin kurz die Suchaktion zusammen, so wie es Eva für die Kinder tut – der Pulk um die Abenteurer schiebt sich wie ein Ameisentrupp über den Pausenhof.
“Mit Ohren sieht er viel besser aus!”, meint Zzaty.
“Willst Du ein Tuch?” Mein Kyriezz und kramt in ihrer Tasche. Das Gesicht des Jungen ist immer noch ganz verschmiert. Aber er reagiert nicht.
“Er hört nicht so gut, glaub ich. Du musst es ihm zeigen.”, schlägt Eva vor. Kyriezz wedelt mit dem Tuch vor ihm und reibt sich selber das Gesicht. Er nimmt es schließlich von ihr an und hält es an sein Gesicht. Auf dem Tuch bleibt ein Abdruck, der seinem ursprünglichen Bild nicht unähnlich ist. Die Kinder lachen, aber diesmal ist es ist ein fröhliches Lachen.
“Ist er jetzt ein Elf?”, fragt Wizzy.
“Vielleicht!”, antwortet Eva und schielt zum Professor. Der nickt:
“Wir fragen ihn, sobald er wieder sprechen kann.” Auf dem Affenfelsen rümpft Jeremy verächtlich die Nase, aber niemand bekommt es mit – alle Jungen sind bei dem Spektakel rund um den Elfenjungen dabei, um ja nichts zu verpassen.
“Hi Elf, ich bin Anna, aber du darfst auch Wizzy zu mir sagen.”
“Und ich bin Kyriezz und das ist Zzaty. Wir sind Zauberfeen, aber Elf ist auch cool.” Sie lachen und deuten immer wieder auf sich, sagen ihre Namen, und achten darauf, dass er sie gut sehen kann. Der Junge blickt etwas unsicher zwischen ihnen und Eva hin und her. Aber als sie lacht, ist er beruhigt und schließlich grinst er ebenfalls.

Dann aber ertönt eine zornige Stimme vom Zaun her. Durch eine der Lücken schiebt sich eine braunes Etwas mit Hut – der Direktor! Schlamm und Ärger im Gesicht. Er ist eindeutig die bessere Verkörperung der gruseligen Zeichnung.
“Herrgott, da kann ich ja lange suchen! Dabei sind alle schon wieder in Seelenruhe hier anspaziert. Hatten alle ein schöne Pause? Ich fasse es nicht..” er versucht, den Matsch an seinen Schuhe im Gras abzustreifen.
“Das wird ein Nachspiel haben, oh ja, das versichere ich. Das ist eine Schule und kein Irrenhaus!” Der Professor versucht, ihn etwas zu beschwichtigen:
“Also einen kleinen Fortschritt haben wir doch erreicht, weil…”
“Paperlapapp!”, fällt ihm der Direktor ins Wort.
“Der Junge sollte sprechen lernen, oder? Dafür ist eine Schule auch da! Es gibt sowas wie Unterricht. Stattdessen wird der gesamte Schulablauf völlig auf den Kopf gestellt. Wir haben hier Verantwortung, und zwar für alle Schüler. Verantwortung! Wissen sie überhaupt, was das ist? Ganz zu schweigen von meinen Kleidern, sehn sie sich das mal an, ich…”
“Still!” Die Lehrerin hat die Hand gehoben und blickt zu den Kindern. Dem Direktor bleibt kurz der Atem weg.
“Also, ich muss doch bitten.”
“Schhhhht!” Seine Angestellte deutet zu dem Kreis der Kinder – dort ist es ebenfalls ruhig geworden und in der Stille hören sie eine leise, kehlige Stimme.
“Eee..waah.” Die Lehrerin geht vorsichtig näher, zwischen den dicht gedrängten Kinderköpfchen kann sie jetzt den Jungen erkennen, vor ihm steht Eva, und strahlt ihn an. Der Junge deutet auf sie.
“Eh…wah..?” Eva nickt begeistert.
“Jaaa! Eva!” Der Junge lächelt, zeigt wieder auf sich. Aber aus dem geöffneten Mund kommt kein Ton. Er setzt noch einmal an – die Lehrerin und der Professor halten den Atem an.
“L….- L…” er stockt. Zeigt noch einmal auf seine neue Freundin.
“Ewah…”
“Eva.” korrigiert sie ihn, und wischt ihm beiläufig den letzten Rest Dreck aus dem Gesicht. Seine helle Haut leuchtet jetzt richtig.
“Evahh.” Er deutet wieder auf sich. Alle warten auf seinen Namen – und der Junge versucht es noch einmal.
“L…” Es gelingt ihm einfach nicht. Er blickt zu Boden, ballt die Fäuste vor Anstrengung. Es ist mucksmäuschenstill auf dem Hof. Jeder sieht ihn an, will seinen echten Namen hören. Eine ganze Weile rührt er sich nicht. Dann geht plötzlich ein Leuchten über sein Gesicht, er blickt hoch und sagt laut und klar und ohne Fehler:

“ELF!”

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