Drahtseilbahnwerk Adolf Bleichert

Nachdem eine 1874 von Adolf Bleichert gegründete Seilbahnfabrik durch den Wechsel seines Gesellschafters Theodor Otto zu Julius Pohlig in Siegen beendet wurde, gründete Adolf Bleichert 1876 zusammen mit seinem Schwager, dem Kaufmann Peter Heinrich Piel, die Adolf Bleichert & Co. in Leipzig-Neuschönefeld, die sich bald einen Ruf als Hersteller und Erbauer von Drahtseilbahnen erwarb. 1881 wurde der Betrieb nach Leipzig-Gohlis verlegt, der von dort mit zunächst 20 technischen und kaufmännischen Angestellten („Beamten“) und 70 Arbeitern Seilbahnen in alle Welt lieferte. Vor allem die Rohstoff- und Schwerindustrie zeigte großes Interesse an den neuen Anlagen. 1888 erteilte Adolf Bleichert & Co. der amerikanischen Firma Cooper, Hewitt & Co., der Muttergesellschaft der Trenton Iron Company eine Lizenz zum Bau und Vertrieb von Bleichert-Seilbahnen in den USA. Trenton Iron konnte bald darauf eine große Zahl von Seilbahnen in den USA bis nach Alaska absetzen. 1896 brachte das Unternehmen eine verbesserte Exzenter-Klemmkupplung für Drahtseilbahnen mit der selbsttätigen Klemme Automat auf den Markt, die die Grundlage für die kuppelbaren Materialseilbahnen und Gondelbahnen bildete, deren Loren, Eimer oder Gondeln an den Stationen automatisch am Förderseil ein- und ausgekuppelt werden. Als 1901 Adolf Bleichert verstarb, hatte das Unternehmen mehr als 1000 Seilbahnen geliefert und gebaut, unter anderem in Frankreich, Spanien und Japan. Das Unternehmen wurde von seinen Söhnen Max und Paul erfolgreich weitergeführt.

Die Adolf Bleichert & Co. war der führende Seilbahnbauer, der sämtliche Rekorde hielt: die höchste und längste Seilbahn in Argentinien, die längste über Wasser in Neukaledonien, die leistungsstärkste in Frankreich (500 t/h), die steilste in Tansania (86%), die nördlichste in Spitzbergen (79°) und die südlichste in Chile (41°). Sie hatte Büros in Leipzig und Brüssel, Paris und London.

Nachdem gegen Ende des Jahrhunderts leistungsfähige Elektromotore verfügbar waren, war 1895 das Produktionsprogramm erweitert worden auf den Bau von Kranen, Schiffsver- und entladeanlagen, Elektrohängebahnen, Lagerplatzbrücken etc. Dabei wurden die Erfahrungen aus dem Drahtseilbahntransport und die neuen Antriebe durch Elektromotore kombiniert, um werksinterne Kranbahnen, Hebezeuge und andere Transportmittel herzustellen, die nicht an Seilen, sondern an festen Hängeschienen liefen und mit den Elektromotoren enge Kurven fahren konnten. Da damit nur Steigungen bis zu 5 % möglich waren, wurden die steileren Strecken mit umlaufenden Seilen bewältigt, an die die Wagen automatisch angekuppelt wurden. 1901 wurde für diesen Geschäftszweig die Bleichert Transportanlagenbau GmbH gegründet und in England die Bleichert’s Aerial Transporters Ltd. (bis 1914).

Durch den Ersten Weltkrieg gingen die internationalen Geschäftsverbindungen weitgehend verloren. Das Unternehmen stellte in diesen Jahren eine großen Zahl von Feldseilbahnen her, die in Leipzig nach dem Baukastensystem gefertigt wurden. Max und Paul Bleichert wurden zur Anerkennung der Verdienste ihrer Gesellschaft von König Friedrich August III. von Sachsen in den Adelsstand erhoben.

Nach dem Ersten Weltkrieg verlagerte sich das Geschäft auf die Konstruktion und den Bau von Luftseilbahnen zur Personenbeförderung, insbesondere seit 1924 ein Lizenzvertrag mit dem südtiroler Ingenieur und Unternehmer Luis Zuegg abgeschlossen und in der weiteren Zusammenarbeit das System „Bleichert-Zuegg“ für Seilschwebebahnen entwickelt wurde, das weltweite Beachtung fand. So konnte das Unternehmen mit folgendem Briefkopf auftreten und Bankkonten in Deutschland, Wien, Prag, Budapest, Amsterdam angeben: „Adolf Bleichert & Co., Leipzig-Gohlis, Älteste und größte Fabrik der Welt für den Bau von Drahtseilbahnen und Elektrohängebahnen. / Kabelkrane / Becherwerke / Bandförderer. Fabriken in Leipzig-Gohlis, Leipzig-Eutritzsch und Neuß am Rhein“

1920 wurde ein weiteres Werk in Leipzig-Eutritzsch eröffnet. Um das Risiko aus dem neuen Geschäft einzugrenzen, wurde 1924 die Adolf Bleichert & Co. Personen-Drahtseilbahnbau GmbH und 1928 die Bleichert Kabelbagger GmbH gegründet, die Seilbagger für den Tagebau herstellte. Die Adolf Bleichert & Co. wurde 1926 in eine AG umgewandelt. 1928 beschäftigte das Unternehmen 1200 Angestellte und 2000 Arbeiter und hatte Tochtergesellschaften in Neuss und in Brünn. Infolge der Weltwirtschaftskrise von 1929 kam es 1931 zum Kollaps des deutschen Bankensystems. Die Adolf Bleichert & Co. konnte bei rapide sinkenden Auftragseingängen noch ein Jahr durchhalten, musste dann aber am 4. April 1932 Konkurs anmelden. Dies bedeutete zwar das Ende der Familiengesellschaft, aber das Unternehmen als solches mit seiner Kompetenz wurde in der am 23. Juni 1932 gegründeten Auffanggesellschaft Bleichert-Transportanlagen GmbH weitergeführt, die mit 73 Angestellten und 96 Arbeitern an alter Stätte die Produktion fortsetzte. Mit Zustimmung des Gläubigerbeirates wurde das Unternehmen an den Stahl- und Seilehersteller Felten & Guilleaume Carlswerk Actien-Gesellschaft veräußert. Die Kabelbagger-GmbH musste kurz darauf Konkurs anmelden, die Personenseilbahn-GmbH wurde als Tochter der Bleichert-Transportanlagen GmbH fortgeführt.

1934 wurde zusammen mit Ernst Constam in Davos der erste Schlepplift mit selbsteinziehendem Bügel installiert, dem in den folgenden Jahren rasch weitere Anlagen u.a. in Megève und Sankt Moritz folgten. Auch Materialseilbahnen, wie die 1937-1940 gebaute Seilbahn der Erzgrube Büchenberg gehörten zum Produktionsprogramm. Neben dem Seilbahnbau hatte man schon seit 1925 Elektrokarren in Lkw mit 1,5 t, ab 1936 bis 7 t Nutzlast umgerüstet und als Bleichert Stromwagen vertrieben. 1935 entwickelte man auch ein zweisitziges Cabriolet mit Elektroantrieb (30 km/h, ca. 70 km Reichweite), das bis 1939 gebaut wurde. Im Zweiten Weltkrieg bezogen die Nationalsozialisten den Betrieb in die Rüstungswirtschaft ein und ließen Granathülsen produzieren. Die Werke in Gohlis und Eutritzsch wurden zum Teil schwer durch Bomben geschädigt.

Nach Kriegsende blieb der Betrieb von Demontagen durch die sowjetische Besatzungsmacht verschont. Man begann, die Zerstörungen an den Gebäuden zu beseitigen und Ersatzteile für Krane, aber auch Kleinteile für den täglichen Bedarf, wie Handwagen, Spaten und Hacken herzustellen. Im Sommer 1946 übernahmen die sowjetischen Behörden das Unternehmen als Sowjetische Aktiengesellschaft unter der Firma Bleichert Transportanlagen Fabrik SAG Leipzig N 22 und gliederten es 1950 der SAG „Transmasch“ (russische Zusammensetzung aus Transport und Maschinen) unter der Firma Bleichert Transportanlagenfabrik der Aktiengesellschaft Transmasch Leipzig an. Der Betrieb diente der Erfüllung von Reparationsleistungen an die Sowjetunion und produzierte Kabel- und Autokrane, Verladebrücken, Frässchaufler und Elektrokarren, bald auch wieder Drahtseilbahnen. Wegen der sich ausweitenden Produktion wurde 1949 in Eutritzsch eine neue Werkshalle gebaut. 1950 hatte das Unternehmen mehr als 4000 Beschäftigte. 1953 ging die SAG Bleichert als einer der letzten Betriebe in DDR-Volkseigentum über. Dabei tilgte das Ministerium für Maschinenbau entgegen dem Wunsch der Betriebsleitung den Namen Bleichert aus der Anschrift: Aus der SAG wurde der VEB Schwermaschinenbau Verlade- und Transportanlagen (VTA), und 1973 der VEB Verlade- und Transportanlagen Leipzig Paul Fröhlich. Dieser wurde 1985 zum Stammbetrieb des Kombinats TAKRAF. Nach der Wiedervereinigung endete die traditionsreiche Geschichte der ehemaligen Adolf Bleichert & Co. 1991 in der Liquidation. Seither stehen die Werkhallen leer. Teile des Personals wurden von der TAKRAF übernommen. 1993 übernahm das Staatsarchiv Leipzig von der Firma Verlade- und Transportanlagen (VTA) GmbH i. L. Leipzig neben einigen Akten die Fotosammlung mit ca. 15.000 schwarzweiß Abzügen und anderen Bildquellen sowie Prospekten und Katalogen.

In Westdeutschland hatte die Felten & Guilleaume Carlswerk Actien-Gesellschaft, Köln, mit dem Ende des Krieges und der Übernahme der Bleichert-Transportanlagen GmbH in eine Sowjetische Aktiengesellschaft den größten Teil ihrer Tochtergesellschaft verloren. Für die Unternehmensteile im Westen gründete sie deshalb 1946 die Bleichert Transportanlagen GmbH, Köln. Felten & Guilleaume, die die Fa. Förderanlagen Ernst Heckel mbH, Saarbrücken schon 1927 und 1933 auch die J. Pohlig AG, Köln übernommen hatten, vereinigten diese Unternehmen 1962 zur PHB Pohlig-Heckel-Bleichert Vereinigte Maschinenfabriken AG, Köln. Diese Gesellschaft wurde 1980 mit der Weserhütte AG zur PHB Weserhütte fusioniert, die zu den führenden Anbietern von Maschinen und Anlagen zur Gewinnung und Aufbereitung von Rohstoffen, wie zum Beispiel Seilbagger und Raupenkräne, gehörte. 1987 musste diese Sparte jedoch wegen hoher Verluste geschlossen werden. Allerdings erwarb Orenstein & Koppel (O & K) die Seilbahnabteilung in Köln, um den laufenden Auftrag zum Umbau der Schauinslandbahn fortzuführen. Mit diesem nun PWH Anlagen und Systeme GmbH genannten Unternehmen wurde nicht nur die Schauinslandbahn fertiggestellt, sondern auch die Seilbahn auf den Brévent in Chamonix und die Rofanseilbahn in Maurach am Achensee sowie verschiedene Materialseilbahnen gebaut. O & K gehörten zum Hoesch-Konzern, der von der Friedrich Krupp AG übernommen wurde. Krupp integrierte die PWH Anlagen und Systeme GmbH in seine Krupp Industrietechnik GmbH, die dann als Krupp Fördertechnik GmbH auftrat. Der Seilbahnbereich wurde jedoch aufgegeben, technische Seilbahnzeichnungen wurden an Doppelmayr veräußert. Damit endeten auch in Westdeutschland die noch verbliebenen Reste der Seilbahntradition der Adolf Bleichert & Co. Nach der Fusion zwischen Krupp und Thyssen wurde die Gesellschaft in ThyssenKrupp Fördertechnik GmbH umbenannt, einem Weltmarktführer im Bereich der Kabelkrane. Der Name PHB lebt in einer 1955 in Brasilien gegründeten Pohlig-Heckel do Brasil Indústria e Comércio LTDA fort, die an brasilianische Investoren verkauft wurde und Transportanlagen für Südamerika herstellt.

Quelle: Wikipedia

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Dokument erstellt am 10.03.2012
Letzte Änderung am 03.07.2014

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André Winternitz, Jahrgang 1977, ist freier Journalist und Redakteur, lebt und arbeitet in Schloß Holte-Stukenbrock. Neben der Verantwortung für das Onlinemagazin rottenplaces.de und das vierteljährlich erscheinende "rottenplaces Magazin" schreibt er für verschiedene, überregionale Medien. Winternitz macht sich stark für die Akzeptanz verlassener Bauwerke, den Denkmalschutz und die Industriekultur.

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