Die Kammer – Von Corinna Annemarie Bergmann

Foto: pixelio.de/Rosel Eckstein

Sammy war glücklich. Er hatte das stattliche Herrenhaus am Waldrand ergattert und dabei drei weitere potenzielle Käufer abgehängt. Als die in der Nähe angesiedelten Bauern nämlich anfingen, von „Wiedergängern“ zu faseln und außerdem behaupteten, dass einige der früheren Besitzer spurlos verschwunden seien, zogen die anderen Interessenten ihre Angebote wieder zurück.

Sammy glaubte nicht an so einen Blödsinn. Er fand sogar, die Nachbarn hätten ihm mit ihrem abergläubischen Gefasel einen Gefallen getan. Selbstverständlich würde er noch vor Ende der Woche einziehen. Er konnte es kaum erwarten.

Vor etwa drei Jahren war Sammy bei einem Ausflug mit ein paar Freunden auf das Haus gestoßen und konnte seither an nichts anderes mehr denken. Er fühlte sich wie verzaubert von der Aura, die den Prachtbau umgab, und es verging kein Tag, an dem er sich nicht vorstellte, sein Besitzer zu sein. Wann immer Sammy sich in Schwärmereien erging, winkten seine Freunde entnervt ab und rieten ihm, die ganze Sache einfach zu vergessen.

Aber Sammy hoffte auf ein Wunder. Und tatsächlich: Seine Tante Klärchen segnete das Zeitliche und hinterließ ihrem einzigen Großneffen ein ordentliches Vermögen. Sammy hatte keine Ahnung von Tante Klärchens Reichtum gehabt und er hätte ihr niemals den Tod gewünscht – beileibe nicht. Aber in Anbetracht der besonderen Tatsache, dass er sich nun seine Traumimmobilie leisten konnte, hielt sich seine Trauer in Grenzen. Ein flüchtiger Besichtigungstermin besiegelte seinen Entschluss. Seine Freunde waren entsetzt. Was in aller Welt wollte ein Alleinstehender mit einem riesigen Herrenhaus? „Denk doch an die Kosten“, bekam Sammy zu hören, oder: „Sei nicht blöd, kauf dir einen kleineren Wohnsitz!“ Alles vernünftige Argumente, und doch verfehlten sie ihre Wirkung.

Sammy drückte die knarrende Tür auf und sah sich in der mit Marmor ausgekleideten Empfangshalle um. Er würde noch Einiges renovieren müssen. Aber das sollte kein Problem sein. Sammy war ein sehr geschickter Handwerker, und viele der alten und ein wenig schäbigen Möbel würde er aufpolieren. Das Haus hatte für ein Gebäude jenes Ausmaßes relativ niedrige Decken und verfügte neben einer riesigen Küche im Souterrain, einem kleinen Bad, das im oberen Stockwerk nachträglich eingebaut worden war, über eine Vielzahl von Salons und Schlafzimmern. Wirklich perfekt für einen Alleinstehenden! Sammy grinste in sich hinein. Langsam wanderte er durchs Haus und kostete das Gefühl, dieses Juwel sein eigen zu nennen, weidlich aus.

Als er in dem Raum, den er sich beim Besichtigungstermin spontan als Schlafzimmer ausgesucht hatte, die Wände abtastete, um festzustellen, wie es um die Qualität der edlen, aber verblichenen Tapete bestellt war, entdeckte er neben dem wuchtigen Kleiderschrank eine kleine Tür, die sich mittels eines kräftigen Stoßes öffnen ließ. Eine Staubwolke nahm Sammy die Sicht. Er fuchtelte mit beiden Armen vor seinem Gesicht herum und beschloss, die Kammer hinter der fast unsichtbaren Tapetentür, zu erkunden. Aufgeregt schlüpfte Sammy hinein und stellte mit Erstaunen fest, dass sich kein einziges Möbelstück in dem Raum befand, nur ein verloren wirkendes kleines Bild hing an der Wand. Die Kammer hatte sogar ein Fenster, was Sammy am meisten irritierte. Er wusste exakt, wie viele Fenster es in dem Haus gab und dass sich in seinem zukünftigen Schlafzimmer nur eines davon befand. Irgendetwas stimmte hier nicht.

Ebenso neugierig wie verwirrt näherte sich Sammy dem Miniaturgemälde und betrachtete es mit zusammengekniffenen Augen. Es zeigte eine sitzende Frauengestalt mit hochgetürmtem Haar. Sie war in geraffte weite Röcke gehüllt und schien ihn aus dem Bild heraus mit unverhohlenem Spott zu betrachten. Sammy wich zurück. Hatte sie ihm gerade zugezwinkert? Das konnte nicht sein. Er schüttelte den Kopf.

„Wieso glaubst du denn nicht, was du siehst?“, ertönte es plötzlich. Sammy zuckte zusammen. Die Stimme klang tief und rau und kam direkt aus dem Gemälde. Zögernd trat Sammy einen Schritt näher.

„Komm nur heran“, lockte die Frau in dem Bild. Jetzt konnte Sammy es sehen: Sie hatte die Lippen bewegt. „Näher.“ Mit jedem Wort, das dieses Wesen sprach, klang seine Stimme süßer und verlockender. Sammy konnte sich nicht dagegen wehren. Immer näher rückte er an das Bild heran. „Ja, so ist es gut“, seufzte die Frau. Sammy hob den Kopf. Ein sehnsüchtiger Schauder durchzuckte ihn, als er seinen Blick fest an die Lippen der Frau heftete. Gleichzeitig kam ihm ein absolut irrationaler Gedanke: Er würde zu ihr ins Bild steigen und dann …

Plötzlich sackten ihm die Beine weg. Sammy schrie, bis sich seine Lungen mit Staub füllten und er zu husten begann. Bei dem Sturz in das Loch, das sich völlig unerwartet im Boden aufgetan hatte, waren seine Fußknöchel regelrecht zersplittert. Es dauerte ein paar Minuten, bis Sammys Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Mit schmerzverzerrtem Gesicht tastete er nach dem Feuerzeug in der Innentasche seiner Jacke und beleuchtete seine Umgebung. Was er sah, ließ ihn laut aufstöhnen. Um ihn herum lagen Skelette, einige davon mit Resten ihrer früheren Kleidung bedeckt. Der Schock war so groß, dass Sammy beinahe das hämische Lachen der Frau im Bild überhört hätte.

„Das hast du nun davon!“, rief sie und ihre Stimme klang wie eine Mischung aus Krächzen und Kreischen. „Das habt ihr alle davon! Wie die Geier seid ihr! Mir mein Haus wegnehmen wollen! Warum könnt ihr mich und mein Haus nicht in Frieden ruhen lassen? Niemand nistet sich hier ein! Niemand! Hörst du?“

Bis zu seinem Tod, der ihm nicht die Gnade erwies, schnell und schmerzlos einzutreten, hörte Sammy die Stimme der Frau nie wieder.

Corinna Annemarie Bergmann

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