Deutschlands „verbotene Insel“ Wustrow

Blick vom Schmiedeberg zur Halbinsel Wustrow in Rerik im Landkreis Bad Doberan, Mecklenburg-Vorpommern, Deutschland. Foto: Niteshift/CC BY-SA 3.0

Wustrow (aw). In Mecklenburg-Vorpommern gibt es viele wunderschöne Orte. Dazu zählt auch die etwa 1.000 Hektar große Halbinsel Wustrow bei Rerik in der Mecklenburger Bucht. Viele Jahrzehnte jedoch trug diese Insel den Beinamen „Verbotene Insel, denn diese war und ist für Besucher Sperrgebiet – ein Betreten strengstens verboten. Nur langsam öffnet sich das Naturparadies interessierten Besuchern, der Investor Anno August Jagdfeld, Chef der Entwicklungs-Compagnie Wustrow (ECW), bietet geführte Kutschfahrten über ein Teilstück des Areals an. Hier gilt aber trotzdem: Herumstreunern nicht gestattet. Jeder Teilnehmer unterschreibt ein Dokument, mit der Verpflichtung, nicht auf eigene Faust das Gelände zu erkunden.

Die Damshagener Brüder Bernhard und Hans Balduin von Plessen, die seit 1925 Besitzer der Halbinsel waren, verkauften Wustrow 1932 an die Reichswehr, die im Folgejahr hier Deutschlands größte Flakartillerieschule (FAS I) aufbaute. Damals wurde dieser Standort als „Rerik-West“ bezeichnet. Die Heeresstandortverwaltung richtete man am 1. August 1933 ein und brachte diese vorläufig in der Pension Ingeborg unter. Das Herrenhaus, der Jungviehstall und ein Speichergebäude wurden zu provisorischen Unterkünften für übende Soldaten umgebaut. Als 1934 die Unterkunftsgebäude und infrastrukturelle Einrichtungen (Neues Lager) erbaut wurden, zogen 350 Personen auf die Halbinsel. Schnell entstanden hier rund 45 Kasernen-, Wohn- und Wirtschaftsgebäude und rund 20 große Fahrzeug- und Gerätehallen.

Wustrow, Begrenzung im Nordosten. Foto: Derzno/CC BY-SA 4.0

Der erste Flakschuss (zu Übungszwecken) wurde aus einer 7,5-cm-Flak L/60 am 6. April 1934 abgefeuert. Alle vierzehn Tage wechselten die übenden Flakabteilungen. Weil die Flakartillerieschule und der Luftwaffenübungsplatz eine hohe Priorität einnahm, baute man im vorderen Teil der Halbinsel eine Wohnsiedlung und einen Militärgebäudekomplex, bestehend aus Flugplatz, Krankenhaus, Sportanlagen und Freizeiteinrichtungen. Fortan wurden Soldaten aus allen Teilen Deutschlands hier an den Fla-Geschützen ausgebildet, die konsequent ausgebaut und erweitert wurden. Am 25. Juli 1943 war Wustrow Ziel eines von Hamburg aus einfliegenden US-Bomberverbandes.

Wustrow diente bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs als Zwischenstation für Einheiten, die zur Verteidigung der Stadt nach Berlin geflogen wurden. Viele Soldaten und Bewohner verließen aus Angst vor der vorrückenden Roten Armee die Halbinsel. Am 2. Mai 1945 übergab man selbige kampflos an die sowjetischen Streitkräfte. Nach der Bodenreform und Ansiedlung von Neubauern erklärte man Wustrow 1949 zur sowjetischen Garnison. Alle deutschen Zivilisten mussten die Halbinsel räumen, die Rote Armee schottete sich von der Außenwelt ab. Eingerichtet wurde wieder ein Schieß- und Ausbildungsplatz – um das Schießen auf bewegliche Luftziele zu trainieren. Die Unterkünfte wurden sporadisch bezogen und neue mit begrenzten Mitteln errichtet.

Geisterstadt Wustrow. Foto: Ragnar1904/CC BY-SA 4.0

Um die Flugabwehrtrainings möglichst sinnvoll zu gestalten, wurden große Luftsäcke von Flugzeugen über den Horizont gezogen, die in Pütnitz bei Ribnitz-Damgarten starteten und im Halbkreis um die Insel flogen. Neben den fest installierten Flakgeschützen wurde auch der Kampf mit Flakpanzern, die mit Zwillingsrohren ausgestattet waren, geübt. Die Flakpanzer schossen auf Boden-, See- und Luftziele. Die Seeziele wurden mit einem Schiff auf die Ostsee hinausgeschleppt. Bei solchen Übungen war die See bis zu 15 Kilometer für jeglichen Verkehr gesperrt. Für die Panzer war auf der Haffseite eine Fahrschulstrecke eingerichtet und für die Ausbildung der Infanteriesoldaten wurde ein Übungsgelände angelegt. Die Einheiten der Küstenartillerie waren bis zum Anfang der 1950er-Jahre stationiert.

Später wurden die Geschütze durch Raketen ersetzt, an denen die Soldaten ausgebildet wurden. Eine parallel zur Ostsee verlaufende gepflasterte Straße führte hinter den Mannschaftsunterkünften zu den großen Radaranlagen und den dazugehörenden technischen Bereichen und Fahrzeughallen. Nahebei befanden sich eingezäunte Startrampen für Boden- Luft-Raketen. Auf dem ehemaligen Flughafengelände der Wehrmacht bauten die „Hausherren“ um 1950 einen Turm, mit diesem man nicht den Flugbetrieb überwachte, sondern der als Feuerleitzentrale für die eigene Flakartillerie diente. Für die notwendige Täuschung der „feindlichen“ Luftaufklärung, stellte man über 20 Flugzeugattrappen auf dem ehemaligen Flughafengelände auf.

Zusätzlich zu den Truppen in Ausbildung war auf Wustrow ein Funkaufklärungsbataillon und ein Fernmelderegiment stationiert, die organisatorisch zur Baltischen Rotbannerflotte gehörten. Das Bataillon betrieb eine Radarstation und hatte zur Unterstützung eine Marineeinheit. Der Auftrag der Funkaufklärer wurde lapidar mit „Sicherstellung der Schiffsnavigation“ umschrieben. Das beinhaltete auch die Überwachung des bei Schießbetrieb gesperrten Seegebietes. Um Marinefliegern und Schiffen Orientierungshilfe zu bieten, wurden zeitweise Funknavigationsanlagen und Funkfeuer betrieben. Eine gesicherte Navigation gewährleistete man während großer Manöver mit Einheiten des Warschauer Paktes (z. B. „Waffenbrüderschaft 70“ oder „80“). Auch bei nationalen Übungen, wie „Ozean 72“ kamen die Einheiten zum Einsatz.

Auf Wustrow war die 2. Spezial-Aufklärungsbrigade der sowjetischen Streitkräfte GRU stationiert, die direkt dem Generalstab der GSSD in Wünsdorf unterstand. In Friedenszeiten sollte diese die Fernaufklärung in Richtung Nordatlantik und Jütland betreiben. Von hier sollte im Kriegsfall der Einsatz sowjetischer Seelandeeinheiten und die Blockierung der Ostseezugänge logistisch mit koordiniert werden. Spezielle Landungsschiffe für diesen Zweck wurden beim Abzug der Truppen in den 1990er-Jahren zum Transport von technischen Gerätschaften von Wustrow in die UdSSR eingesetzt.

Verfall der Gebäude in der Geisterstadt Wustrow. Foto: Derzno/CC BY-SA 4.0

Ab 1989 lockerte man nach der politischen Wende die Abschottung von der Bevölkerung. Nach dem Abzug der Sowjetarmee hofften viele ehemalige Bewohner der Häuser auf Wustrow auf eine Möglichkeit zur Rückkehr. Die Halbinsel wurde gemäß der Vereinbarungen im Einigungsvertrag zwischen der BRD und der DDR Grundvermögen des Bundes. Verhandlungen wegen der immensen Umweltschäden auf der Halbinsel wurden am 16. Dezember 1992 zwischen Boris Jelzin und Helmut Kohl in Moskau geführt, die zu einer sogenannten Nulllösung führten: Eventuelle Schäden wurden nicht gegen Sachwerte aufgerechnet. Die Bundesrepublik übernahm das Risiko der Altlasten und Schädigungen.

Das Bundesministerium der Finanzen wurde für die Liegenschaft zuständig, die Verwaltung oblag der Oberfinanzdirektion Rostock und dem Bundesvermögensamt. 1998 kaufte Jagdfeld die Halbinsel für 12,5 Millionen D-Mark von der Treuhand und wollte hier aus den bebauten 100 Hektar eine exklusive Siedlung für Touristen und wohlhabende Senioren formen. Dafür wurden 300 Hektar zwei Meter tief revitalisiert und von Munitions-Altlasten befreit. Der Bund kam für die Kosten auf. Die restlichen 700 Hektar wurden nicht angetastet und später als europäisches Vogel-, Landschafts- und Naturschutzgebiet ausgewiesen. Hier hat sich über die Jahre eine wunderschöne, aber munitionsverseuchte Idylle geformt.

Nach jahrelangem Stillstand der Verhandlungen zwischen dem Investor und der Kommune Rerik, welche Planungshoheit hat, laufen die Gespräche nun wieder an. Ein erstes positives Signal sind nun die Kutschfahrten. Aus diesem Grund pocht Jagdfeld auf ein Umdenken und rasches Handeln seitens der Kommune. Ob dies jedoch in den nächsten Jahren gelingt, ist ungewiss. Für den Geschäftsführer des Landestourismusverbands, Bernd Fischer, bietet Wustrow ein enormes, beinahe einzigartiges Potenzial, welches erschlossen werden müsse. Hier sollte man ein zukunftsweisendes und ökologisches Projekt realisieren, so Fischer.

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