Der andere Harz – Abseits der Touristenpfade

Blick von der Rabenklippe zum Brocken. Foto: Kongo Mueller/CC BY-SA 3.0
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Er ist mit seiner großflächigen Bergwildnis, bestehend aus ausgedehnten, verwunschen wirkenden Wäldern, wilden Flussläufen und Wasserfällen, Mooren sowie tief eingeschnittenen Tälern einer der meistbesuchten Touristenmagnete in der Bundesrepublik – der Harz, das Herz Deutschlands. Hier ist das Klima rau, das Wetter oft launisch. Das Mittelgebirge zieht jährlich Hunderttausende Wanderer, Urlauber, Kurgäste und Sportler an. Schon Johann Wolfgang von Goethe, Heinrich Heine, Hans Christian Andersen und Hermann Löns nutzten den Harz für ausgedehnte Wanderungen und sammelten hier Kraft und Ideen für neues Schaffen. Nicht nur um den Brocken – dem höchsten Berg des Harzes und im Norden Deutschlands – ranken sich diverse Mythen und Geschichten.

Brockenkuppe. Foto: Skram/CC BY-SA 3.0
Brockenkuppe. Foto: Skram/CC BY-SA 3.0

Für viele Einheimische galt der Harz früher als eine Arme-Leute-Landschaft, dessen Ressourcen Wald und Erze waren. Für die mit beiden unmittelbar Beschäftigten war es ein Knochenjob, der nur gering entlohnt wurde. Vom Ertrag profitierten nur einige Bergstätte und Ortschaften. Erst mit dem Fremdenverkehr kam der Wohlstand harzweit, für einige mehr, für andere weniger. Während viele Städte erblühten, hatten andere das Nachsehen – bis heute, lange nach der Wende.

Ehemalige innerdeutsche Grenze

Während der deutschen Teilung von 1949 bis 1990 zog sich die innerdeutsche Grenze durch das westliche Drittel des Harzes. Auch über 25 Jahre nach der politischen Wende und dem Wegfall der Grenzanlagen sind bei vielen noch heute seelische Narben vorhanden. Abseits der stark frequentierten Gebiete, in den malerischen und beschaulichen Ortschaften bröckelt der Putz – im wahrsten Sinne des Wortes. Dort, wohin sich nur wenige Touristen „verirren“ regieren Leerstand und Verfall. Schuld dafür sind Misswirtschaft, leere Kassen, fehlende Arbeitsplätze und der demografische Wandel. Ganze Ortschaften sind nach der Einheit Jahr für Jahr gefühlt in Vergessenheit geraten. Die Menschen gingen und die Vergänglichkeit zeigte ihr schonungsloses Gesicht. Der Harz hat sich heute – wie die Grenze zwischen Ost- und Westharz, die kaum mehr spürbar ist, preislich angepasst. An die ehemalige Grenze erinnern heute diverse DDR- und Grenzmuseen.

Wichtiger Standort der Rüstungsindustrie

Im Zweiten Weltkrieg entwickelte sich der Harz zu einem Zentrum der Rüstungsindustrie. Für die Nationalsozialisten galt die mitteldeutsche Region als idealer Standort fernab der internationalen Aufmerksamkeit. Ein Geflecht aus privaten und öffentlichen Unternehmen, das verantwortlich für den Bau und Betrieb der Werke war, bildete das sogenannte Rüstungsdreieck. Bestandteil waren die Dynamit AG, samt Tochter Verwertchemie und die Montan-Industriewerke AG. Viele kriegswichtige Betriebe beschäftigten mit dem näherrückenden Ende des Zweiten Weltkriegs immer mehr Zwangsarbeiter. Der Harz war daher in dieser Zeit Standort von mehreren hundert Zwangsarbeiter- und Konzentrationslagern. Zurück blieben nach dem Krieg und nach dem Fall der Mauer zahlreiche Munitionsfabriken, Bunker und Industrieruinen, die bis heute verfallen. Niemand nimmt sich ihrer an, Hauptgrund dafür sind die enormen Altlasten über- und unterirdisch. Bekannteste Fabrik ist hier sicherlich das „Werk Tanne“ in Clausthal-Zellerfeld, zwischenzeitlich die größte Fabrik für Sprengstoff im Deutschen Reich.

Werk Tanne.
Werk Tanne.

1987 wies man auf dem noch heute riesigen Areal bei diversen Untersuchungen sieben Stoffklassen nach, die schwere Schäden für die menschliche Gesundheit und an der Natur verursachen. Der Auftakt zu einem juristischen Tauziehen, der Jahrzehnte dauerte und bis in die höchsten Etagen der deutschen Gerichte reichte, war geboren. Jahrelang verschwiegen örtliche Medien die Ergebnisse der Folgeuntersuchungen und die Urteile der Gerichte. Am Schlimmsten: Noch heute ist nicht detailliert bekannt, wie viele Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene ihr Leben in den Harzer Rüstungsbetrieben lassen mussten und ob oder wo diese verscharrt wurden.

Vergessene Zeugen der Zeit

Geschlossene Ferienheime, verlassene Sanatorien und Heilstätten, aufgegebene Industrieanlagen, ruinöse Hotels – der Zahn der Zeit hat den Harz schwerer getroffen, als viele andere Regionen der neuen Bundesländer. Dort wo zu florierenden Zeiten Medizingeschichte geschrieben, Infektionskrankheiten erfolgreich behandelt, SED-Funktionäre residierten, FDGB-Gewerkschafter ein und ausgingen und Einheimische sowie Touristen entspannten, dominiert seit Jahren der Verfall. Architektonisch anmutende und ehemalige Prestigeobjekte wirken heute verstoßen, an dessen einstige Existenz sich keiner zu erinnern scheint und für die sich auch sonst niemand verantwortlich fühlt. Für viele Objekte kommt jede Hilfe zu spät – der totale Kollaps ist vorhersehbar, andere sind konserviert und warten auf den wachküssenden Prinzen – wenngleich das nur Ausnahmen sind. Dubiose Investoren und Briefkastengesellschaften treiben seit der Wende ein morbides Spiel zulasten der leeren Stadtkassen oder – und dies ist die Regel – des Steuerzahlers.

Ehemalige Steierbergklink.
Ehemalige Steierbergklink (2011).

Verlässt man im Harz die üblichen Touristenpfade, entdeckt man links und rechts des Weges jene Zeitzeugen, die auf einen Abriss oder eine Neunutzung warten. Dabei wirken die meisten Bauwerke heute, als habe ein Wirbelsturm gewütet, jahrelange Dürre geherrscht oder die hydraulische Zange des Abbruchbaggers nach wenigen Griffen die Lust verloren. Beispielhaft sind hier die Ferienheime „Hermann Duncker„, „Fritz Heckert„, das Altenpflegeheim „Harzfriede„, die Sanatorien und Heilstätten Albrechtshaus, Königsberg, Steierbergklinik, Johanniter, Hohentanneck, Waldhaus sowie das Hotel „Heinrich Heine“ und Industriebetriebe wie das ehemalige Schickert-Werk, die Königshütte, die Tagesgebäude der Grube Büchenberg und einstige militärische Hinterlassenschaften wie die Nationalpolitische Erziehungsanstalt, das Werk Tanne und viele andere.

Höhlen und ehemalige Bergwerke

Der Harz verfügt über viele sehenswerte Höhlen. Geologische Prozesse in den Kalksandstein-, Dolomit- und Gipsschichten, aber auch der Bergbau ließen selbige über Jahrhunderte entstehen. Heute kann man einige davon besichtigen, darunter die Schauhöhlen Baumannshöhle und Hermannshöhle in Rübeland, die Einhornhöhle in Scharzfeld, die Iberger Tropfsteinhöhle in Bad Grund sowie die Gipshöhle Heimkehle bei Uftrungen – ebenfalls eine Schauhöhle. In diesen natürlich entstandenen Höhlen sowie teilweise künstlich geschaffenen, höhlenartigen Räumen im Felsgestein erwartet den Besucher eine völlig andere Welt.

Weltkulturerbe Bergbaumuseum Goslar. Foto: HasBS/CC bY-SA 4.0
Weltkulturerbe Bergbaumuseum Goslar. Foto: HasBS/CC bY-SA 4.0

Der Bergbau im Harz erfährt seine erste Erwähnung vor etwa 3.000 Jahren in der Bronzezeit. Der Kupferschieferbau ist auf das 12. Jahrhundert zurückzuführen, der Bergbau auf Silber, Blei und Zink bis in das 16. Jahrhundert. Den Bergleuten ist auch das Oberharzer Wasserregal – ein System zur Umleitung und Speicherung von Wasser, das Wasserräder in den Bergwerken antrieb – zu verdanken, ohne deren Wasserkraft der Silberbergbau niemals seine hohe wirtschaftliche Bedeutung hätte erlangen können. Die letzte Grube wurde 1992 geschlossen. Viele Bergwerke wurden ihrem Schicksal überlassen, abgerissen oder dienen heute eindrucksvoll als historische Schaubergwerke. Zu Letzteren zählen z. B. die UNESCO-Welterbestätten Grube Samson in Sankt Andreasberg und das Besucherbergwerk Rammelsberg nahe Goslar, die einstige Erzgrube in Büchenberg, der Röhrigschacht in Wettelrode, der Rabensteiner Stollen in Harztor, die Grube Lautenthals Glück in Lautenthal. Das Oberharzer Bergwerksmuseum in Clausthal-Zellerfeld zählt zu den ältesten Technikmuseen Deutschlands.

Fazit

So zentral der Harz inmitten der Bundesrepublik auch liegt, so diffizil ist er „mal eben“ zu erreichen und zu verlassen. Denn großzügig angebundene Autobahnen gibt es hier nicht. Aber sind wir mal ehrlich: Ist es nicht genau das, was uns begeistert und uns immer wieder magisch in das Mittelgebirge zieht? Die gefühlte Abgeschiedenheit, die Ruhe und die Gelassenheit der Einheimischen in den idyllischen Orten und Dörfern ist es, die uns fernab des Großstadtdschungels die Zeit anhalten lässt. Eine Reise in den Harz wirkt wie eine Zivilisationsflucht, eine Flucht vor dem schnelllebigen Alltag, mit dem Ziel, einzutauchen in eine sagenhafte und magische Welt. Und wer abseits der üblichen Touristenpfade auf Entdeckertour geht, erlebt Geschichte hautnah – faszinierender und lehrreicher, als in jedem Reiseführer.

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