Den Tod vor Augen – Von Corinna Annemarie Bergmann

Foto: pixelio.de/Lisa Spreckelmeyer

Seit ich den schweren Autounfall hatte – ich bin mit dem Kopf voran durch die Windschutzscheibe geschleudert worden, weil ich nicht angeschnallt war – funktioniert mein rechtes Auge nicht mehr richtig. Ich kann damit nur noch Schatten ausmachen, was an sich schon sehr gewöhnungsbedürftig ist. Doch ich würde mich glücklich schätzen, wenn dieses „Schattensehen“ mein einziges Problem wäre …

Vor einiger Zeit musste ich mit Schrecken feststellen, dass mein desolates Auge seine Sehkraft gegen eine andere, ziemlich unheimliche Fähigkeit eingetauscht hatte: Sobald ich es auf einen anderen Menschen richtete, verfiel ich in eine Art Trance, und der anvisierte Mensch starb Minuten später – meist an Atemlähmung oder Herzinfarkt, hin und wieder auch durch einen grausigen Unfall.

Wie man sich vielleicht denken kann, mussten zahlreiche Menschen ihr Leben lassen, bevor ich endlich verstand, was vor sich ging. Doch von da an verließ ich meine Wohnung nicht mehr ohne Augenklappe. Wie ein Pirat sah ich damit aus, doch ich wollte auf Nummer sicher gehen. Meine Freunde, die keine Ahnung hatten, lachten über meinen vermeintlichen Spleen. Außerdem machte ich mir keine Illusionen mehr, irgendwann doch noch die Frau fürs Leben zu finden. Dabei bin ich erst Mitte dreißig. Aber die Angst, meine Partnerin zu töten, nur weil ich keine Kontrolle über mein verhasstes Auge hatte, war bedeutend größer, als die Enttäuschung, auf die Erfüllung in der Liebe verzichten zu müssen.

Glücklich war ich also nicht, aber zumindest glaubte ich, eine – wenn schon nicht ideale, so doch vernünftige Lösung gefunden zu haben – bis zu jenem Abend, als ich auf eine Gruppe angetrunkener junger Menschen traf. Sie beäugten mich, stießen sich gegenseitig an und deuteten lachend in meine Richtung. Anfangs dachte ich mir nichts dabei – ich kannte solche Situationen, und mittlerweile hatte ich gelernt, mich gegen verletzende Bemerkungen und Gesten zu wappnen.

Ich ging also an den jungen Leuten, eine einzige Frau war dabei, vorüber, als ob nichts wäre. Doch plötzlich stellte sich mir einer der Burschen in den Weg und forderte mich spöttisch grinsend auf, die Augenklappe abzunehmen. Man wolle sehen, mit wem man es zu tun habe. Natürlich ignorierte ich die Aufforderung und beschloss, ohne ein Wort, zu verlieren einfach weiterzugehen. Ich spürte, dass mein Puls sich beschleunigte und hatte ein ungutes Gefühl.

Zu Recht, denn die Beleidigungen grölende Meute ließ mich nicht in Ruhe. Einer packte mich am Kragen, ein anderer – oder war es die Frau? – hielt mich an einem Ärmel fest. Ihr alkoholgetränkter Atem wehte mir unangenehm in die Nase. Ich riss mich los und schrie einem von ihnen etwas ins Gesicht, ich weiß nicht mehr genau, was. Mein Versuch, gelassen zu bleiben, war endgültig gescheitert. Die Bande lachte und grölte nur noch lauter, und schließlich sprang einer auf mich zu und riss mir das schwarze Stück Stoff aus dem Gesicht. Die anderen bildeten einen Halbkreis um mich und klatschten und johlten. Zwei von ihnen inspizierten mein Auge.

Und dann … passierte es. Ich fing an zu starren, konnte nicht mehr wegsehen, obwohl ich mich mit aller Macht bemühte. Es ging nicht. Einer von ihnen fasste sich an die Brust, die anderen … Ich kann mich nicht mehr erinnern. Nur eines weiß ich: Sie starben alle.
Wieder einmal hatte ich die Kontrolle verloren, trotz aller Schwüre, dass es nie wieder so weit kommen würde. Und endlich ist mir klar geworden, dass es nur eine einzige Lösung gibt.

Einen Augenblick lang kommen mir Zweifel. Doch, nein. Es muss sein. Ich stelle mich vor den Spiegel, nehme langsam die Augenklappe ab und fange an, zu starren …

Corinna Annemarie Bergmann

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