Das Signal – Von Philipp Knauss

Foto: pixelio/Tom Higgins

Es war ein sehr kleiner Vogel, der an einem lauen Sommernachmittag zuckend vor unserem Haus lag. Ich hatte den dumpfen Schlag gegen die Fensterscheibe deutlich gehört. Schon von weitem sah man, dass sein winziges Rückgrat seitlich abgeknickt war. Als ich mich über ihn beugte, blickte ich durch ein riesiges Loch in sein Inneres, wie bei einer mechanischen Armbanduhr mit Glasfensterchen, durch das man die Zahnräder ineinander greifen sieht. Es war ein Sperling. Ein Objekt liegt hier vor mir. Ein Objekt für eine wissenschaftliche Untersuchung. Es kann nicht fliehen, und jemand hat es bereits geöffnet. Ich soll wohl etwas lernen an diesem sonst so ereignislosen Ferientag. Eine Lektion in Sachen Anatomie von Wirbeltieren. Sieht wie ein sauberer Schnitt aus. Nirgendwo ist Blut zu sehen. Wie groß ist eigentlich die Lunge eines Sperlings? Atmet der jetzt durch den Schnabel oder durch das Loch? Kann man sehen, wie sein Herz schlägt? Vielleicht sollte die Lektion des heutigen Tages aber doch in einem anderen Fach erfolgen.

Ich hörte eine alte Frau mit junger Stimme rufen. Leg ihn doch irgendwo ins Grüne! Meine Großmutter hatte bis ins hohe Alter die Stimme einer jungen Frau. Kein Krächzen oder sonores Schnurren, das auf alte Stimmbänder in einem alten Kehlkopf schließen lässt. Sie hatte ihre Stimme geschont, wie sie auch sonst sehr schonend mit den Ressourcen ihres Organismus umgegangen war. Ein Leben lang. Kein Sport. Kein übermäßiges Trinken. Kein Rauchen. Und garantiert kein Verschleiß durch hartes Arbeiten. Ich habe sie nie schreien gehört. Manchmal erhob sie die Stimme, um ihre Tochter zu rufen. Klar und druckvoll. Sie hatte ihrer Tochter einen Namen gegeben, den man gut rufen konnte, mit einer kleinen Melodie. Katharina. Bestimmt hätte sie gut singen können, wenn sie gewollt hätte. Sie wollte aber nicht. Sie sparte ihren Atem auf. Für schlimme Zeiten. Und die kamen für sie.
Natürlich, für sie war das Problem gelöst, wenn der Vogel irgendwo hinter Büschen im Grünen lag. Im Grünen kann er in Ruhe sterben. In Ruhe sterben! Von wegen! Wir hätten unsere Ruhe, aber der Vogel würde langsam qualvoll verrecken.

Damals, als die Demenz nur zu erahnen war, fühlte ich mich ihr überlegen. Körperlich sowieso, ich war immerhin schon elfeinhalb, geistig auch, ich hatte gerade meinen ersten richtigen Roman gelesen, und jetzt auch noch moralisch. Später fühlte ich vor allem ein trauriges und entsetztes Mitleid für sie, so wie an jenem Nachmittag für den Vogel. Ich war ein Mann der Tat. Zumindest wollte ich mal einer werden, und das war eine Bewährungsprobe auf dem Weg dahin. Ich hörte die Melodie. Die Tochter kam herbei. In meinem Rücken wurde aufgeregt palavert, was jetzt zu tun sei.
Ich blickte auf den Vogel. Der winzige Körper pulsierte. Wenn meine Tat etwas Heldenhaftes haben sollte, dann konnte ich mich nicht weiter von allerlei Gedanken ablenken lassen. Der Haufen Pflastersteine lag nur einen Meter entfernt. Ich kniete vor dem Vogel und umfasste den Stein fest mit beiden Händen. Wieder ein dumpfer Schlag. Die flache Unterseite hat den Körper sehr gleichmäßig zerquetscht. Die Möglichkeit, anatomische Studien an dem Objekt durchzuführen, war damit beendet. Irgendwas hat mir die Hose versaut. Aber es ging schnell. Dafür ein Fleck auf dem Boden und an meiner Hose. Nächstes Mal passe ich besser auf. Zum Dank für meine kleine Heldentat durfte ich jetzt eklige Spuren beseitigen. Ich haderte ein bisschen mit dem ungerechten Gott der Vögel, wo ich doch gerade einem seiner Geschöpfe große Barmherzigkeit habe widerfahren lassen. Klägliche Reste landeten auf dem Kompost.

Es mag ungefähr fünf Jahre später gewesen sein, da musste ich wieder ein Tier töten. Diesmal hatte unsere Katze eine Maus auf das Furchtbarste zugerichtet. In diesen Minuten war die rabenschwarze Mathilda wirklich ein Geschöpf der Hölle, eine Sklavin Satans, die sich für all die Heimsuchungen des Aberglaubens, für all die Fußtritte und Scheiterhaufen, für all das Leid rächte, das ihren Vorfahren Jahrhunderte lang widerfahren war.
Eine Maus. Ein Sperling. Man könnte meinen, bei so kleinen Tieren gibt es nur zwei Zustände: quietschlebendig und hektisch damit beschäftigt, das Abenteuer des eigenen, kurzen Lebens zu bestreiten – und tot. Mausetot. Doch es gibt auch hier alle Zwischentöne, und diese Maus, deren Lebensende darin bestehen sollte, für ein paar Minuten einer satten Katze an einem sonnigen Nachmittag als Folterspielzeug zu dienen, hatte das Schlimmste schon hinter sich. Ganze Stücke waren aus ihr heraus gebissen worden. Sie schleppte sich nur noch langsam vorwärts und zog dabei ein winziges Knäul aus Gedärmen hinter sich her. Mathildas Interesse begann gerade zu erlahmen. Ich habe sie zuerst nicht richtig getroffen und musste mehrere Male mit dem Spaten zustechen. Danach war nicht mehr viel übrig zum Entsorgen, und so habe ich die Maus irgendwie an Ort und Stelle in den Boden gestampft. Wenn es um schnelles, schmerzfreies Töten geht, ist der Pflasterstein effektiver.

Für den Fall, dass viele unterschiedliche Disziplinen zusammenarbeiten wollen, braucht man einen Koordinator. In unserem Team, das mal aus 14 Leuten bestand, war ich dieser Koordinator. Dr. Harald Boih besprach daher auch alles ausschließlich mit mir. Er war kein Teamspieler. Aber wenn Sie mich fragen, war er der größte Neurologe aller Zeiten.

17 Jahre dauerte unser Projekt. Wir waren alle etwas abgestumpft durch die vielen Tierversuche im Vorfeld. Tote Mäuse, tote Ratten, tote Schweine, tote Affen. Das Experiment seines Lebens. Dr. Boih, sein Lebenswerk, sein Abschiedsgeschenk an all die Kritiker und Skeptiker da draußen. Draußen, das war in den letzten Jahren seines Lebens praktisch die gesamte Welt außerhalb des Labors. Sie bestand für ihn fast nur noch aus Erinnerung. Er musste auch keine öffentlichen Termine mehr wahrnehmen. Ab und zu die Presse.
Dr. Hiller, der Abteilungsleiter der Ezon Neo AG, die das gesamte Projekt, alle Mitarbeiter, Ausrüstung und Materialien finanzierte, legte wie auf Kommando seine hohe Stirn in Falten und strich regelmäßig, also einmal im Jahr, einen der Mitarbeiter raus. Die hatten keinen blassen Schimmer davon, was wir all die Jahre taten.

Ein Drittmittelprojekt mit einem der größten Pharmakonzerne der Welt klingt erst mal wie eine feine Sache, wenn man mit nur mäßigem Abschluss in Biologie eine Stelle im Team des großen Dr. Boih angeboten bekommt. Ich habe keine Sekunde gezögert, trotz der miserablen Bezahlung. Nach einem Jahr habe ich sämtliche repräsentativen Aufgaben für das Projekt übernommen.
Im fünften Jahr unseres Projekts saß ich also wieder vor dem Ehrfurcht gebietenden Schreibtisch im 19. Stock und habe ganz kurz nur dieses Runzeln auf der Stirn von Dr. Hiller gesehen. Ich glaube, er hatte bereits im zweiten Jahr gemerkt, dass sie von uns außer ein bisschen PR nicht viel zu erwarten hatten. Boihs Ruhm begann zu verblassen. Er war alt und krank und sonderbar. Schnell glätteten sich Dr. Hillers Gesichtszüge wieder. Gut, gut, gut, wir sind also noch zu neunt. Gut, du Arschloch, lass uns einfach in Ruhe arbeiten, denke ich bei mir. Nein, belastbare Ergebnisse erst im nächsten Jahr. Ja, ja, ja. Wir machen eine Präsentation.
Wenn die Presse anfragt, bin ich besser.

„Der Herr dort hinten, im braunen Jackett.“
„Ferdinand Kraus, FAZ. Ich hätte eine Frage an Dr. Boih persönlich. Herr Dr. Boih, können Sie uns noch mal erklären, was die Aufsehen erregenden Thesen in Ihrem Buch mit dem Ansatz Ihres aktuellen Forschungsprojekts zu tun haben. Ich erkenne da nur schwer einen Zusammenhang. Eine Schnittstelle zum Gehirn, Datenaustausch, das klingt mir ganz so, als hätten Sie plötzlich die Seiten gewechselt und würden jetzt Ihren von Ihnen als dumpfe Ideologen verpönten Forschungskollegen das Wort reden.“
„Junger Mann, es mag Ihnen sonderbar erscheinen, fast widersprüchlich, doch ich kann wahrlich nichts dafür, dass Sie anscheinend nicht alle Implikationen meiner Thesen erfassen und verstehen können. Ich empfehle Ihnen die Einführungsveranstaltung zur experimentellen Neurologie bei meinem geschätzten Kollegen Prof. Dr. Kurt Wirth in Heidelberg. Dann kommen Sie wieder und stellen eine weniger banale Frage, deren Beantwortung nicht unser aller Zeit verschwenden würde.“
In solchen Fällen musste ich einspringen. Boih war eine wandelnde Zumutung. Er hasste Journalisten. Und die subalternen Speichellecker von der Pharmaindustrie. Und deren Vorstände, die hasste er auch. Hätten gute Forscher werden können, sagte er manchmal, waren aber scharf auf dicke Vorstandsgehälter, die Drückeberger. Des Weiteren hasste er Frauen im Allgemeinen und die Putzfrauen im Institut im Speziellen. Die wollten einfach nicht kapieren, dass sie dort nichts zu suchen und schon gar nichts zu putzen hatten.
„Was Dr. Boih zu sagen versucht, Herr…“
„Kraus, FAZ.“
„Lieber Herr Kraus, ich werde mich bemühen, den vermeintlichen Widerspruch aufzuklären und Ihnen erläutern, worum es bei der Experimentreihe geht. Die Verbindung von neuronalen Netzwerken mit elektronischen Bauteilen steckt noch in den Kinderschuhen. Zwar sind wir bereits seit einiger Zeit in der Lage, Synapsen sehr differenziert zu stimulieren, ich erinnere dabei immer wieder gerne an den allseits bekannten und in der Humanmedizin seit Jahrzehnten erfolgreich eingesetzten Herzschrittmacher oder denken Sie an Beispiele aus jüngerer Zeit wie die implantierten Retinachips. Blinde können wieder sehen! Schemenhaft, aber sie sehen. Doch es handelt sich dabei im Sinne der Kommunikation von neuronalen, also organisch gewachsenen und elektronischen, also vom Menschen künstlich hergestellten Netzwerken, praktisch um eine Einbahnstraße. Ab einer bestimmten, bereits sehr kleinen Neuronenanzahl wird das Impulsfeuerwerk so gewaltig und bisher scheinbar vollkommen chaotisch, dass wir ganz und gar nichts damit anfangen können. Genau dort setzten wir an. Wir wollen den Knoten entwirren. Bei schätzungsweise hundert Billionen Synapsen des menschlichen Gehirns keine leichte Aufgabe. Dazu benötigen wir eine Schnittstelle an einer Erfolg versprechenden Stelle an dem Gehirn eines lebenden Versuchsobjekts, dann werden Daten gesammelt und gespeichert, dann mit einem Code entschlüsselt und interpretiert. Dieses Vorhaben steht in keiner Weise im Widerspruch zu den Thesen des Professors.“

„Jens Rubenbauer, Fachzeitschrift Neurologie. Dr. Boih, viele kritische Stimmen meinen, das Geheimgebaren im Zusammenhang mit Ihren Forschungen und Ihr radikaler Rückzug aus der Öffentlichkeit seien ein reiner PR Schachzug um von der Tatsache abzulenken, dass Ihre Forschungen ins Leere laufen. Und ich meine nicht nur kritische Stimmen unter Ihren Kollegen auf der Gegenseite, sondern – wie mir von verlässlichen Quellen mitgeteilt wurde – auch unter Mitarbeitern von Ezon Neo.“
In solchen Fällen blickte Boih kurz zu mir, dann gelangweilt nach oben, an die Decke und zählte die Leuchtstoffröhren. Mit halbem Ohr hörte er mich dann Dinge sagen wie:
„Lieber Herr …“
„Rubenbauer, Fachzeitschrift Neuro…“
„Lieber Herr Rubenbauer, ich kann das große Interesse der Öffentlichkeit an unseren Forschungsvorhaben sehr gut nachempfinden und wir sind uns in unserem Team natürlich voll und ganz darüber im Klaren, dass kontrovers diskutierte Methoden und Ziele unserer Forschung besondere Aufmerksamkeit erregen, aber seien Sie versichert, wenn die Zeit gekommen ist, wenn signifikante Ergebnisse zu berichten sind, werden wir ausführlich Bericht erstatten.“
Bla bla bla.

Ich weiß nicht mehr genau, ab wann mir klar wurde, dass Boih wirklich etwas vorhatte, das nicht nur gegen geltendes Recht und die guten Sitten verstoßen würde, etwas so Ungeheuerliches, dass wohl einige seiner Mitarbeiter sofort fluchtartig das Team verlassen hätten, wenn sie geahnt hätten, worauf das alles hinausläuft. Bei mir liefen die Fäden zusammen, ich hatte den Überblick. Ich hätte es wissen müssen. Ich gebe es zu, ich wollte es nicht beenden. Ich wollte, dass es gelingt. Ich war vom Virus des Wissenshungers infiziert. Ich mag ein mittelmäßiger Wissenschaftler gewesen sein, aber einer, der nach Erkenntnis strebt. Und die Aussicht war verlockend.
Im Laufe der Jahre nahm das mediale Interesse stetig ab, bis es vollends versiegte. Ich war nur froh, dass diese Journalisten nicht wirklich etwas von unserem Projekt verstanden haben und abgesehen von ein paar fortschrittsfeindlichen Spinnern keiner all zu sehr auf den Tierversuchen rumgeritten ist.
Als Boihs Körper seinen Dienst quittierte, waren wir noch zu sechst. Hinter all der Betroffenheit der riesigen Kondolenzgemeinde war eine unverhohlene Erleichterung zu spüren: Endlich. Jetzt muss man ihm keinen Hahn mehr zudrehen, er konnte ehrenvoll abtreten, ohne Misserfolg, Skandal, Blamage. Sein guter Ruf und der gute Ruf der Fakultät, darum ging es.
Diese Narren! Das Ende war der Anfang!
Ich werde Ihnen erläutern, woraus unser Experiment bestand. Ich werde es im Detail darlegen. Dann werden Sie vielleicht verstehen, warum ich tun musste, was ich tat. Sie werden das Ausmaß meiner Schuld verstehen.
Ich werde Ihnen auch gleich zu Anfang sagen, was damals nicht nach Plan verlief: Dr. Boih starb zu früh.

Er hat seinen Kampf gegen den Krebs nur halbherzig geführt. Schon immer hatte er sich viel zu wenig für sich selbst und seinen alten, gebrechlichen Körper interessiert. Er mochte keine Fragen nach seinem Gesundheitszustand. Also fragte niemand. Im Team waren wahrlich große Mediziner. Aber sie waren keine Ärzte. Mediziner wie der Neurochirurg Bastian Jäger. Seine enormen Fortschritte täuschten uns über die Probleme bei der Kryptologie hinweg. Er konnte die lebensnotwendigen Organe und das Gehirn der Schweine über ein halbes Jahr am Leben erhalten. Bei den Pavianen gab es erst ein paar Probleme, weil umfangreiche Stresssymptome auftraten, doch als Boih starb, war die Paviandame Jenni bereits drei Jahre tot. Der Nervus Hypoglossus ihres Gehirns feuerte immer noch wie ein Makrelenschwarm. Bastian hat auch die große Operation geleitet, mit der alles begann.
Das war vor zwölf Jahren.
Zum Glück starb er nicht plötzlich. So läuft das nicht bei Krebs. Boih selbst gab den Takt vor. Er sagte: Noch ein Jahr, wir müssen uns sputen.
Die Monate vergingen. Als mir klar wurde, dass wir bei der Entschlüsselung der Daten noch länger brauchen werden, sicher ein Jahr mehr, traf ich eine Entscheidung. Ich log. Ich erzählte Boih von einem Durchbruch bei dem Pyramidalverfahren, an dem unser Code-Genie Michael Müller schon seit seiner Doktorarbeit bastelte. Niemand außer ihm hat da je durchgeblickt. Nicht die Freunde aus seinem Algebraclub, geschweige denn irgendein anderer im Team. Auch nicht seine zwei Assistenten, als es sie noch hatte. Heiner und Tim. Beide natürlich mit Prädikatsexamen. Dr. Hiller hatte sie folgerichtig auch als erste entsorgt. Jetzt haben beide einen Doktortitel und verdienen irgendwo in der Finanzbranche das große Geld.
Als die Nieren von Dr. Harald Boih dann komplett versagten, war alles vorbereitet. Wir gingen ins Allerheiligste hinter der Sicherheitsschleuse. OP und Habitat, geheim und sicher, vor allen Blicken geschützt. Bastian und unser Anästhesieexperte Karsten Boulay gaben ihm die ersten Spritzen. Bis zu seinem letzten Atemzug gab Boih Anweisungen. Ich sah nicht die geringste Angst in seinen stahlblauen Augen. Kein Wort des Abschieds. Genau wie jeden Tag der vergangenen sechs Jahre, die wir zusammen arbeiteten, meist bis tief in die Nacht. Normalerweise murmelte er etwas von Schwierigkeiten, Problemen, irgendwelchen Alternativen, die keiner verstehen würde, ging dann nach Hause, nur um am nächsten Tag im gleichen Tenor weiter zu murmeln. „Auf Wiedersehen“ und „Guten Morgen“ waren des Smalltalks schon zu viel für ihn.

Ich hätte mich so gerne noch von ihm verabschiedet. „Bis Morgen“ hätte ich gesagt. Doch es kam mir nicht über die Lippen. Es sollte sein wie immer. Er geht und kommt am nächsten Morgen wieder. Oft trug er noch das Hemd vom Vortag, dann hatte er die Nacht durchgearbeitet und über etwas gebrütet. An den Tagen nach Nächten wie diesen machten wir normalerweise große Fortschritte. Wenn Boih alleine mit sich war, war er am besten. Er kam auf Ideen. Nur ein Mann mit seinem funktionierenden Denkapparat und einem Problem. Es war herrlich.
In jener Nacht vor zwölf Jahren waren wir dran mit dem Durcharbeiten. Herz-Lungenmaschine anschließen, Kopf mit dem Trennschleifer aufsägen, Gehirn raus, ins Gelee, Blutgefäße verbinden. Wenn ein Mensch stirbt, verändert sich der Körper. Innerhalb von Sekunden beginnen Zersetzungsprozesse und das Gehirn nimmt als erstes Schaden. Wir mussten dem Gehirn vorgaukeln, dass der Körper noch lebte.
Drei Tage nach Boihs Tod gab uns Bastian das Go. Wir hatten sofort ein Signal. Das Signal. Bis heute. Boihs Körper war gestorben und beerdigt. Boihs Gehirn nicht. Die Datenmenge war enorm und wir speicherten alles. Wir verstanden nichts, aber wir speicherten alles. „Machen wir weiter?“ fragten sie im Team. „Weitermachen? Es geht jetzt los. Heute.“ Alle nickten.
„Denkt daran, was ihr unterschrieben habt! Es darf kein Wort davon nach Außen dringen! Kein Wort!“ Alle nickten.
Michael blickte zu mir herüber. Er wusste, dass es jetzt auf ihn ankam. Sein Blick verriet eine zögerliche Zuversicht. Endlich war er ins erste Glied gerückt. Er würde Geschichte schreiben.

Doch es wurde Routine. Am Anfang hatte ich mich vor allem um das Datenmanagement zu kümmern. Wir beanspruchten plötzlich ein Vielfaches der bisherigen Datenleitung und brachten das Rechenzentrum des Instituts an seine Grenzen. Bastian und Karsten hatten eine Menge Probleme zu lösen. Boihs Gehirn am Leben zu halten war um Einiges anspruchsvoller, als das von Jenni. Jenni war jung und gesund, als wir ihren Kopf aufsägten. „Sie spürt Nichts!“ hatte uns Karsten gesagt. Auch wenn er eine gänzlich andere Medikation einsetzte, als später bei Boih. Ich wollte es lieber nicht genau wissen damals. Arme Jenni, was geht in deinem Kopf vor? Ihr Signal verkam nach ein paar Stunden zu einem monotonen Rauschen und wir verzichteten schnell darauf, die Daten weiter aufzuzeichnen. Schließlich wollten wir uns nicht mit einem toten Affen unterhalten, sondern mit einem toten Menschen. Es ging bei Jenni nur darum, die Technik zu testen. Die Pumpe, die Akkumulatoren für die stetige Stromzufuhr, die chemische Zusammensetzung und optimale Temperatur des Gelees.
„Sie wird Boih noch überleben!“ sagte Karsten stolz. „Sie ist eigentlich mein Nobelpreis, nicht das hier. Schade, dass nie jemand davon erfahren wird.“
Michael wurde immer stiller. Nicht, dass er vorher sehr gesprächig gewesen wäre. Auf ihm lastete jetzt der gesamte Druck. Er arbeitete Tag und Nacht.
Doch mein Hauptproblem wurde Dr. Hiller. Ein Jahr nach Boihs Tod waren alle bis auf Karsten, Bastian, Michael und mich entlassen. Im Jahr darauf folgten Karsten und Bastian.
An unserem letzten gemeinsamen Abend saßen wir vier um meinen Schreibtisch herum im Labor vor der Schleuse und tranken Bier. „Sollen wir es nochmal durchgehen?“ fragte Bastian. Nein. Ich hatte alle Handgriffe für alle Fälle einstudiert. Ich verstand nicht genau, was ich da tat, aber ich konnte es tun. Ich konnte alleine weitermachen und die Maschinen bedienen. Boihs Gehirn lag im Gelee. Durch die vielen Schläuche konnte man kaum erkennen, was da unter dem dicken Glasfenster verborgen war.
„Ruf mich an, jederzeit.“
„Klar, danke, ich – wir – werden schon alleine zurecht kommen. Michael und ich.“
Michael war noch schweigsamer als zuvor. Er wusste natürlich, dass seine Zeit auch kommen würde. Daher waren auch alle ganz erstaunt, als er sich erhob, um uns etwas mitzuteilen. Er glaubte, weil es ihm bis heute nicht gelungen war, auch nur ansatzweise eine Struktur, geschweige denn einen Sinn aus dem herauszulesen, was das Gehirn hinter der Schleuse im nobelpreiswürdigen Hightech-Gelee 24 Stunden jeden Tag an Einsen und Nullen ins Rechenzentrum schickte, würden wir ihn als Wissenschaftler nicht mehr respektieren und ihn für einen Versager halten, der das ganze Experiment, die Arbeit von Jahren, zunichte machen würde. Das taten wir aber nie. Alle wussten, dass er neben Boih das einzige echte Genie im Team war. Doch es ging ihm um etwas ganz anderes.
„Das Signal. Es hat sich verändert. Seit letzter Woche.“
Wir hatten jetzt zwei Jahre einen sehr großen, kontinuierlichen Datenstrom, der unzählige Festplatten mit vielen Petabyte füllte. Je mehr, desto besser, hatte Michael uns zu Anfang gesagt.
„Es ist ein Muster.“
„Aber da ist doch großartig, ist es nicht das, was wir immer wollten? Ein Muster hinter dem ganzen Chaos? Du hast es gefunden! Wir haben es geschafft!“
„Nein, es ist ein Muster geworden. Eine Schleife, die sich alle zwei Sekunden wiederholt. Dass das ein Muster ist, erkennt jeder Dreijährige.“
„Was bedeutet das?“
„Das bedeutet, dass wir immer noch nicht wissen, was es bedeutet. Und dass wir nicht wissen, was die Aufzeichnungen der Hirnströme der letzten zwei Jahre bedeuten. Wir wissen nichts. Ich weiß nichts.“
Michael hatte recht. Sein gesamtes Konzept der Datenkryptologie beruhte auf großen Datenmengen und dem stetigen Fluss neuer Daten.
„Du kriegst von mir jedes Empfehlungsschreiben, das du brauchst. Jedes.“ Michael bedankte sich. Er war mir nicht böse. Doch er wusste, dass er sein Genie verschenkt hatte. Verschenkt an ein totes Experiment. Ein geheimes, totes Experiment ohne Ergebnis. Wir waren am Ende.
Als wir uns verabschiedeten fragte Michael noch etwas. „Wisst ihr, was sensorische Deprivation ist?“ „Sensorische was? Warum fragst du?“ „Ach, nur so ein Gedanke…“ Wir umarmten uns steif und jeder von uns torkelte seiner Wege.
Jahre später bin ich wieder über den Begriff gestolpert in einem Artikel über sogenannte weiße Folter. In den 50ger Jahren hatten Psychologen Versuchsreihen mit Studenten abbrechen müssen. Denen ging es natürlich ursprünglich gar nicht darum, was Menschen aushalten können, geschweige denn um Folter. Sie haben die Studenten lediglich von sämtlichen Sinneseindrücken befreit. Nicht hören, nichts sehen, nichts fühlen. Die hatten sogar ihre Hände in irgendeiner Art Handschuh, damit sie nichts ertasten konnten. Nicht mal sich selbst.
Sie begannen zu halluzinieren, konnten keinen klaren Gedanken mehr fassen. Unwillkürliche Erinnerungen vermengten sich mit Schreckensvisionen. Die meisten gaben nach ein paar Stunden auf, keiner hielt länger als eine Woche durch.

Mit Mühe konnte ich für mich eine Viertelstelle rausschlagen bei Dr. Hiller. Ich durfte den Raum behalten und die Datenleitung, die Stromversorgung. Peanuts. Bis jetzt. Ganze zwölf Jahre nachdem Boihs Sarg in die Erde gelassen wurde.

Ich ging jeden Abend rüber und sah nach dem Rechten. Einmal war ein Haustechniker drin, hinter der Schleuse, um die Luftschächte zu warten. Er hat nichts bemerkt. Ich hielt immer noch Kontakt zu allen in den kommenden Jahren. Wie gesagt, ich war der Kommunikator im Team. Außer zu Michael. Er hatte ausdrücklich darum gebeten, in Ruhe gelassen zu werden.
Bastian fragte immer mal nach. „Wie geht’s Jenni?“
Er meinte natürlich jemand anderen.
„Jenni? Hervorragend, sie schwingt von Baum zu Baum in den ewigen Affenjagdgründen. Im Ernst, ich hab sie gehen lassen. Alles ausgeschaltet. Letztes Jahr. Die Energiekosten, du weißt schon.“
„Klar. Und wie geht’s ihm?“
„Ihm geht’s gut. Er ist noch da. Es läuft alles.“
„Wahnsinn, nach so langer Zeit. Dass da nichts kaputt gegangen ist. Wir haben echt tolle Arbeit geleistet damals. Und das Signal?“
„Wie immer. Ich mache alle paar Wochen einen Abgleich, dann überspiele ich die alten Daten. Lohnt sich nicht, das zu speichern. Immer das Selbe alle zwei Sekunden.“

Und dann kam der Tag, an dem Michael anrief. Der Tag oder besser gesagt, die Nacht, in der ich erkennen sollte, welch unglaubliche Tat wir begangen hatten. Und welchen Preis Boih für sein großes Experiment zahlen musste.

Ich wurde durch das Telefonklingeln geweckt. Wir hatten uns seit Jahren nicht gesprochen. Er hatte die Datenaufzeichnungen der ersten Wochen mitgenommen und immer wieder daran gearbeitet. Es war klar, dass so einer nicht lockerlassen kann. Ich hatte die Hoffnung nie aufgegeben, dass er es irgendwann schaffen würde, den wirren Daten aus dem Neuronenhaufen, der mal ein Organ eines lebenden Menschen gewesen war, ihr Geheimnis zu entlocken. Ich war sofort hellwach. Es war zwei Uhr.

Er hatte mir eine Mail geschickt mit einem Programm und genauen Anweisungen für die Decodierung. Ich fragte ihn, ob das, was er entziffert hatte, denn irgend einen Zusammenhang ergäbe. „Ich weiß es nicht genau. Je mehr du einspeist, um so genauer wird es. Es ist selbstlernend, mein Programm. Ich habe das hier erst seit ein paar Minuten vor mir auf dem Bildschirm. So viele Jahre.“
“Was hast du auf deinem Bildschirm? Was? Sind es Worte?“
„Es sind auch Worte.“
Bevor er auflegte, sagte er noch: „Boih ist nicht tot. Beeil dich!“

Ich bin noch nie in meinem Leben so schnell ins Institut gefahren. Die Straßen waren leer. Ebenso der gesamte Campus. Wegen der Baustelle vor dem Haupteingang des Instituts musste ich an der langen Glasfront an der Seite vorbei. Jede Scheibe war mit den Silhouetten von Greifvögeln beklebt. Als ich meine Chipkarte für den Eingang aus der Tasche zog, fiel sie mir vor lauter Aufregung und Eile runter. Ich beugte mich hinunter, um sie aufzuheben. Ich weiß noch, dass meine Hand instinktiv zurückzuckte. Die Karte lag direkt neben einem Vogelkadaver. Ein ganz kleiner Vogel. Gegen die Scheibe gedonnert, trotz der Aufkleber.

Ich saß also vor meinem Bildschirm und Michaels Programm rechnete. Ich hatte die Daten des ersten Tages geladen. Das Programm spuckte Buchstaben aus. Doch Zeile für Zeile, die sich an meinem Bildschirm aufbaute, wurden mehr und mehr Wörter erkennbar. Das Programm begann sie richtig zu trennen. Ich begann zu lesen. Es waren keine Sätze. Aber es waren Worte, die immer wieder einen klaren Zusammenhang ergaben. Boih erwachte aus der Narkose und war sich sofort der Situation bewusst. Er sprach nicht von sich, sondern richtete das Wort an uns. Er sprach uns an! Da waren erst Anweisungen und mahnende Worte, und dann sogar etwas, was wir äußerst selten zu hören bekamen von ihm: ein Lob.
Dann sagte er, die Narkose sei wie bei all den Narkosen seiner zahlreichen Krebsoperationen in den Jahren zuvor nichts als ein schwarzer Fleck ohne Erinnerung. Er wolle aber bald wissen, wie lange er ohne Bewusstsein war, welcher Tag, welche Uhrzeit jetzt sei. Wir würden sicher bald bescheid geben. Er beschrieb seinen Zustand sehr detailliert. Es sei wie ein luzider Traum. Volles Bewusstsein mit totaler Freiheit. Dann sprach er von dem Glück, das er empfand. Das Glück völliger Abwesenheit von Schmerz und Müdigkeit. Er sei so wach wie nie zuvor.

Ich schaute auf die Uhr. Es war fünf Uhr morgens. Ich hatte etwa drei Stunden lang Zeile für Zeile Boihs Gedankenfluss gelesen, ohne aufzublicken. Dann schaute ich in die Timeline der Aufzeichnung. Es waren seit Boihs Erwachen gerade mal sechs Minuten vergangen.
Ich scrollte nach unten. Seite um Seite. Boihs Gedanken kreisten um alles Mögliche. Es ging um seine Frau und seine Töchter. Es standen dort Dinge über sein Leben, die er wohl nie jemandem anvertraut hatte. Immer wieder ging es um eine Person, bei der es sich um seinen Vater handeln musste. Dann ging es seitenweise nur um sein Girokonto und das Onlinepasswort. Das Passwort, an das er sich zwingen wollte nicht zu denken, es stand dort hunderte Male hintereinander. Ich scrollte weiter. Ich ging zum Archivschrank, in dem unzählige Festplatten aufgereiht standen. Die ersten Wochen. Alles Andere wurde im Rechenzentrum gespeichert. An Tag zwei begann er, seine Verwirrung noch zu beschreiben. Wo er sei, da gäbe es keinen Schlaf, das mache ihm langsam zu schaffen. Er bemühte sich, ein klares Bild seines Problems zu zeichnen. Zwischen wirren Buchstabenfolgen standen Sätze, die direkt an uns, an mich, gerichtet waren. Er habe unwillkürliche Angstzustände, etwas wie ein Schwindelgefühl. Er bat darum, endlich eine Antwort zu bekommen von uns. Irgendein Zeichen, ein Signal. Er brauche Bilder, Geräusche. Eine Stimulation. Irgendetwas.
Ich wechselte die Platte. Er sagte Texte auf. Gedichte, Kinderlieder. Tausende von Zeilen, immer wieder. Dazwischen eine klare Argumentation, warum es nur noch um eins ginge. Ein Ende zu machen. Er gab klare Anweisungen dazu. Viele tausend Seiten später flehte er uns an, ihn zu erlösen.
Ich nahm die letzte Festplatte, die wir hier aufbewahrten. Ich war mir nicht sicher, ob ich darauf gefasst sein würde, was ich darauf fand. Ich zögerte lange, bis ich begann zu lesen. Es war schlimmer, als alles, was ich erwartet hatte.

Ich ging zum Port für den Datenabgleich des Signals. Die Daten, die ich seit zehn Jahren immer wieder überspielte in der vagen Hoffnung, es möge sich mal etwas ändern an der Dauerschleife, irgendeine Kleinigkeit, oder dass es wenigstens schwächer würde, um bald ganz zu versiegen. Ich riss die Platte, die gerade noch dabei war, Boihs Signal aufzuzeichnen, einfach raus aus ihrem Schacht und hängte sie an.
Michaels Programm rechnete. Dann füllte sich der Bildschirm. Abertausende von Zeilen. Es war nur ein einziges Wort. Ein Wort, das zu denken nicht länger als zwei Sekunden dauert.
Ich rannte aus dem Labor, ließ die Tür offen stehen, ich rannte den Flur entlang und blickte mich um. Ich hob den Mülleimer an. Er war zu leicht. Mein Blick fiel durch die Glastür nach draußen. Die Baustelle. Auf Paletten stapelten sich Betonplatten für den neuen Gehweg. Ich konnte eine mit beiden Händen gerade so tragen.

Ich weiß, dass das Labor und alles, was ich zerstört habe, Ihr Eigentum war. Ich weiß auch, dass die Daten Ihr Eigentum sind. Sie können alles haben, ich werde nichts davon je wieder benötigen. Verklagen Sie mich, es ist mir egal. Ich habe nichts gelöscht, bis auf dieses letzte Signal. Ich werde mit dem Wissen leben müssen. Aber ich werde es Ihnen nicht sagen, was da stand. Ich werde es niemandem sagen. Niemals.

Philipp Knauss

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