Dark Tourism – Reisen an Orte des Schreckens

Schädel in den Katakomben von Paris. Foto: Dooler/CC BY 3.0

Urlaub an den schönsten Orten der Welt, Bilderbuchkulissen, kristallklares Wasser, kilometerlange Sandstrände, endloses Bergpanorama, atemberaubende Stadtzentren, Flora und Fauna – für die meisten Touristinnen und Touristen das Nonplusultra. Seit einigen Jahren jedoch entwickelt sich ein Trend, der so gar nichts mit den typischen Reiseeigenschaften und -gewohnheiten gemeinsam hat: Dark Tourism. Dark Tourism – früher als Katastrophentourismus bezeichnet – nennen Forscherinnen und Forscher jene Art des Tourismus, der alles andere verspricht, als Urlaubsidylle im herkömmlichen Sinn. Schlachtfelder, Konzentrationslager, Gefängnisse, Massengräber, Mord- und Spukhäuser und Orte, die man mit Unglücken und Katastrophen verbindet – die Palette ist (fast) grenzenlos. Vor allem aber befriedigt diese Art der Reisen eines: die Neugier nach Authentizität. Natürlich kommt ein großer Hang zum Voyeurismus und Abenteuerlust mit hinzu.

Es sind Orte, bei denen so manchem beim bloßen Erwähnen ein Schauer über den Rücken läuft: Auschwitz, die Katakomben in Paris oder Palermo (Kapuzinergruft), der London Dungeon, Ground Zero, die Insel der toten Puppen in Mexiko, der Wald der Selbstmörder in Japan, zahlreiche Häuser, ehemalige Bauwerke und Orte mit paranormalen Ereignissen in den Staaten oder Europa, Tschernobyl, Fukushima, die Atombomben-Testgelände White Sands Missile Range (USA) und Malan-Basis (China), Kambodschas „Killing Fields“ und – ja das gibt es auch – Reisen an markante Kriegsschauplätze nach Syrien, in den Irak oder nach Nordkorea. Alleine das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz registriert jedes Jahr etwa 1,5 Millionen Besucher und nicht wenige zücken pietätlos ihr Smartphone oder die Kamera und knipsen munter vor sich hin.

Besonderer Kick durch Angst und Unwohlsein

Das Institute for Dark Tourism in Lancashire im Nordwesten Englands, aber auch die University of Colorado (USA), definieren diese Art des Reisens als das Besuchen von Orten, die – mal mehr und mal weniger – mit Krieg, Tod, Mord, Gräueltaten, Gewalt, Leid, Schmerz, Paranormalen sowie dem Makabren in Verbindung gebracht werden. Orte, die Touristen hautnah erleben, sich aber gleichzeitig lebendig fühlen wollen.

Seit Jahren gibt es Diskussionen rund um diese Art des Tourismus, Befürworter und Gegner. Für die einen ist es lediglich eine Art, dem Alltag zu entfliehen, eine gehörige Portion Nervenkitzel abzugreifen und gut. Andere möchten hautnah am Ort des Geschehens die Geschichte erfassen und diese kontrovers diskutieren oder aufarbeiten. Für viele aber ist schon die Tatsache, in Gedenkstätten oder Orten mit negativer Historie Eintritt zahlen zu müssen, makaber. Schnell wird hier der Vorwurf der Kommerzialisierung laut. Nicht selten spricht man von Attraktion, statt von einfühlsamer Information.

Reiseveranstalter kassieren kräftig

Das Geschäft mit dem dunklen Tourismus boomt. Seit Langem schießen Reiseveranstalter wie Pilze aus dem Boden. Die Reisen werden immer komfortabler, die Ziele immer extravaganter. Flug, Unterkunft, Passformalitäten, Genehmigungen und Ziel – alles aus einer Hand. Wer gut zahlt, bestimmt. Gegen Aufpreis ist auch der kurioseste Sonderwunsch möglich. Eine zweitägige Reise ins Sperrgebiet nach Tschernobyl beispielsweise kostet bei diversen Anbietern in der Basisversion etwa 500 Euro – inklusive Flug und Unterkunft.

Millionen Touristen reisen jedes Jahr um die Welt, auf der Suche nach immer skurrileren und makaberen Orten, vom Holocaust- bis zum Atombomben-, Schlachtfeld-, Gefängnis- und Katastrophen-Sightseeing. Genaue Zahlen gibt es nicht, denn so mancher Veranstalter wirtschaftet an Ländern, Behörden und Eigentümern vorbei, besitzt nicht einmal eine gewerbliche Lizenz. Der Großteil jedoch handelt hier vorbildlich. Ein angemessener Teil der Einnahmen kommt sozialen Projekten oder Einrichtungen vor Ort zugute. Jene seriösen „Veranstalter“ informieren transparent über ihre Abgaben und das Engagement.

Deutsche Geschichte ein Magnet in Europa

Die Europäer zieht es, wenn es ein Kurztrip sein soll, an Orte des Zweiten Weltkriegs, des Nationalsozialismus, des Kalten Krieges und des DDR-Regimes. Ob Bunkeranlagen und -festungen, Gefängnisse, und ehemalige Sperrzonen, ober- und unterirdisch gibt es vieles zu bereisen und zu erfahren. Eine Vielzahl an Museen, Vereinen und Organisationen ziehen Jahr für Jahr Hunderttausende Touristen an. Hinzu kommen die seit vielen Jahren stillgelegten oder aufgegebenen Einrichtungen von Staat und Militär, hier bietet sich neben der eigentlichen „geschichtlichen Attraktion“ auch noch eine gehörige Portion Nervenkitzel.

Der „dunkle Tourismus“ ist in unserer Mitte angekommen. Es ist ein Pendant zum herkömmlichen Tourismus. Was auch immer jemanden bewegt, der seine Freizeit an Orten fernab des Mainstreams verbringen möchte, es sei ihm gegönnt. Empfehlenswert wäre, wenn jeder, der sich zu einer Reise an Orte mit düsterer Vergangenheit entscheidet, vor Ort den nötigen Anstand und Respekt walten lässt, in jedem Fall würdevoll agiert. Denn Orte der Historie sind nicht nur in unseren Büchern präsent, sie können auch in der Realität „erlebt“ werden. Dies ist oftmals sogar lehrreicher, als niedergeschriebene Texte in laufend neu erscheinenden Auflagen der Geschichtsbücher.

Weiterführende Links
www.dark-tourism.com
www.traumatourism.net
Institute for dark tourism

3 Kommentare

  1. Mich nervt das (in Teilen) schon lange. Man sieht z.B. andauernd – vor allem in diversen Facebook-Gruppen zum Thema „Lost Places“ – die immer gleichen Fotos aus Tschernobyl und Pripyat, beim diesjägrigen „Jubiläum wars besonders schlimm. 95% davon sind dann auf irgendwelchen Touri-Trips geknipst. Das finde ich extrem pietätlos. Gerade weil auch heute noch Menschen an den Folgen sterben.

    ABER: Ich finde es nicht per sé schlimm, wenn man z.B. nach Tschernobyl geht um zu Erkudnen und Fotos zu machen. Ich war z.B. selbst auch schon in den Katakomben von Paris unterwegs. Auch wenn man „illegal“ dort hingeht fidne ich es nicht per sé schlimm. Dass diese „Stalker-Romantik“ irgendwie anziehend ist verstehe ich ebenfalls vollkommen.

    Das Ding ist halt nur, dass man es einigermaßen respektvoll gestalten muss. Und wenn man zum 15.892. mal den Gasmaskenraum, die Puppen und die Kirmes von Pripyat knipst, ist es das einfach nicht. Das ist dann Pauschaltourismus um Geld zu machen bzw. die Location zu „konsumieren“. Aber wie gesagt, es gibt auch 1A Fotoserien und Geschichten von Tschernobyl-Besuchern!

  2. Was ist mit dem Tourismus in Pompeji? Da steht man in Privathäusern von Vulkanopfern und sieht Gipsfiguren von Menschen im Todeskampf. Ist das politisch korrekt, weil es in den Kanon der Allgemeinbildung aufgenommen wurde?

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