D15 PERDO – Von Tino Falke

Foto: Fotomontage/privat

Als ich den Bus endlich finde, hat er bereits meine ganze Familie auf dem Gewissen. Er liegt einfach nur da, rostzerfressen und ausgeschlachtet, ein Wrack wie ich, doch er hat noch immer die Macht, zu ruinieren, was von meinem Leben übrig ist. Ich bin mir sicher.

Die meisten Scheiben wurden eingeschlagen, Sitze ausgebaut, der Motor und die Reifen fehlen. Die Gummidichtung glasloser Fenster hängt bis zum Boden, doch die alte Lackierung ist noch immer sichtbar. Die Farbe ist verblasst und an manchen Stellen abgeschabt, doch im Schein der Taschenlampe erkenne ich mein Werk schon aus der Ferne. Meine Eltern, meine Geschwister, meine Freunde, mich. Die Zeichnung, mit der ich vor Jahrzehnten den Malwettbewerb der Stadt gewonnen habe und die als Dekoration eines Busses auserwählt wurde. Keine der A- oder B-Linien der Innenstadt oder C-Shuttle aus dem Industrieviertel. Mein Bild endete auf einem Bus der Linie D 15, von Pingo nach Perdo. Meinem alten Schulbus.

Stell dir vor, du steigst jeden Tag in ein Fahrzeug, das du selbst dekoriert hast. Stell dir vor, wie man sich fühlt, als Grundschüler, dessen Zeichnung durch die ganze Stadt fährt. Und dann stell dir vor, dein Werk wird das Opfer von Vandalen. Von Kunstbanausen mit Sprühflaschen und wasserfesten Markern. Das Bild, das ich gezeichnet habe, zeigt meine Familie, unsere Katze, ein paar Blumen, Bäume, die Sonne. Nur die Zahnlücke, die das Abbild meines älteren Bruders eines Tages im Mund hatte, stammte nicht von mir. Der Mitschüler, der mein Werk verschandelt hatte, machte kein Geheimnis daraus, und weil ich nicht aufhören konnte, zu weinen, lauerte mein Bruder ihm schließlich auf. Er gewann den Kampf, doch verlor genau den Zahn, der auf der Zeichnung geschwärzt worden war. Damals wusste ich noch nicht, dass es die Schuld des verfluchten Busses war.

Jetzt liegt er vor mir, nicht mehr als ein zerfallenes Metallgerippe voller Löcher und Scherben, auf einem Schrottplatz am Stadtrand. Die alte Anzeige über der Frontscheibe ist schon lange kaputt. Wo früher „D 15 PERDO“ leuchtete, kräuseln sich heute nur noch leblose Kabel in die Nacht. Langsam nähere ich mich dem Wrack und erkenne mehr und mehr Schmierereien auf meiner alten Zeichnung. Ein paar der Abbildungen zeigen alte Schulfreunde. Einem wurde eine Augenklappe angemalt, auf seine Schulter ein Papagei. „Yo Ho!“ steht in einer Sprechblase über seinem Kopf. Einer alten Freundin wurde die Maske Batmans über das Gesicht gezeichnet, auf ihrer Brust prangt das Fledermaussymbol. In ihrer Sprechblase steht „Gerechtigkeit!“.

Als ich 14 war, zogen wir in ein Dorf in der Nähe der Stadt, und ich sah meinen Bus nur noch selten. Das war, bevor mein jüngerer Bruder erkannte, dass er im falschen Körper steckt, eine Hormontherapie begann und meine Schwester wurde. Bevor mein älterer Bruder sich einer Skinhead-Truppe anschloss. Bevor die Katze grün wurde und starb. Ich lachte, als sie in einen der Farbeimer fiel, während wir das Haus strichen, doch sie lief davon, bevor wir sie waschen konnten, und in ihrem Versteck leckte sie sich die giftige Farbe selbst vom Fell.

Das nächste Mal, dass ich D 15 sah, fiel mir auf, dass jemand grün über die Zeichnung der Katze gesprüht hatte. Jemand hatte mir eine Brille aufgemalt und ich merkte bereits, wie ich kurzsichtig wurde. Der Freund mit der aufgemalten Augenklappe wurde verhaftet, weil er illegal hunderte Filme und Musik runtergeladen hat. Die Freundin mit der Batmanmaske verlor beide Eltern bei einem bewaffneten Raubüberfall. Alles, was auf dem Bus zu sehen ist – früher oder später wird es Realität. Ich bin mir sicher. Auch wenn Dr. Wild mir nicht glaubt.

Die Taschenlampe enthüllt mir, was ich irgendwie bereits wusste. Auf der Zeichnung hat irgendwer meiner Schwester Brüste angemalt. Mein Bruder trägt einen Hitlerbart und ein Hakenkreuz. Alle Klassiker der Schmierkunst sind vertreten, daneben die Unterschriften der Idioten aus meiner Kindheit, die das ganze Desaster in Gang gesetzt haben. Dr. Wild fragt trotzdem noch immer, ob die Schmiereien nicht doch erst nach den tragischen Ereignissen in meinem Leben auf dem Bus aufgetaucht sind. Ob es nicht vielleicht sogar dieselbe Linienführung ist wie auf den Beispielbildern, die ich für ihn zeichnen sollte. Ob in den Sprechblasen nicht meine Handschrift zu sehen ist.

Das letzte Mal sah ich den Bus auf einem Bild in der Zeitung. Er war angefahren worden, das Foto zum Artikel zeigte die Lackschäden. Die rote Farbe des anderen Unfallautos hatte abgefärbt, die Arme meines Vaters auf der Zeichnung waren voll davon. Etwa zur selben Zeit trennte sich der alte Mann die Pulsadern auf. Der Grund war der Tod meiner Mutter, ein paar Wochen zuvor, an Lungenkrebs. Jetzt sehe ich, woran ich mich nur noch dumpf erinnern konnte – ihre gezeichnete Stellvertreterin, dunkelgrau verfärbt, prangt direkt über dem Auspuff.

Die Abbildung von mir ist fast unbeschadet. Etwas verblasst und mit Brille stehe ich zwischen meinen Geschwistern, mögen sie in Frieden ruhen. Bevor meine Schwester ihre Umwandlung vollendet hatte, fiel sie transphoben Demonstranten zum Opfer. Mein Bruder landete im Jugendgefängnis und legte sich mit dem falschen Mithäftling an. Nur ich bin noch übrig. Doch bevor der verdammte Bus mein Leben vollends ruiniert, nehme ich mein Schicksal selbst in die Hand.

In meiner Tasche klappern Pinsel und Farbtöpfe, eine Dose Klarlack, eine Flasche Bremsflüssigkeit zum Entfernen von Farbe. Ich knie mich vor die Zeichnung von mir und wäge die Möglichkeiten ab. Wenn ich mich überlackiere, werde ich dann unsterblich? Wenn ich das Bild lösche, verschwinde ich dann? Ich könnte mir eine Krone zeichnen, willige Männer und Frauen zu meinen Füßen, einen Haufen Geld. Ein großes Haus am Strand und ein neues Auto, nachdem das alte den Totalschaden hatte. Oder die Mittel, mich an all den Vandalen zu rächen, die das größte Kunstwerk meiner Kindheit verschandelt und mit den Konsequenzen mein Leben zerstört haben. Dr. Wild sagt, dass Schicksalsschläge manchmal einfach passieren.

Dass nicht immer jemand Schuld hat und hin und wieder einfach niemand verantwortlich gemacht werden kann. Doch Dr. Wild ist jetzt nicht hier. Ich tauche einen Pinsel in rote Farbe und zeichne ohne nachzudenken. Mein Abbild bekommt Hörner, weite ledrige Flügel, spitze Zähne. Um die Figur wachsen Flammen, hinter ihren Schwingen ein Panorama eingestürzter Häuser. Im Schein der Taschenlampe mache ich mich zu einem gewaltigen Gott, feuerspeiend, angsteinflößend, grimmig. „Gerechtigkeit!“ schreibe ich in eine Sprechblase über die Zeichnung. Dann trete ich ein paar Schritte zurück.

Meine tote Familie, meine unglücklichen Freunde, sie sind im Dunkel verschwunden. Nur der gehörnte Dämon ist beleuchtet. Und während ich mein Werk bestaune, während die Farbe auf dem rostigen Buswrack trocknet, spüre ich ein Pochen in den Schulterblättern. Genau da, wo ich den Ansatz der Flügel gezeichnet habe. Und zwei Schwellungen an der Stirn. Ich bin mir ziemlich sicher.

Tino Falke

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