Charlie Dombrow – Fotografie Lost Places

Charlie Dombrow - Fotografie Lost Places

Das Buch „Fotografie Lost Places“, erschienen beim Franzis-Verlag, soll eine fotografische Exkursion in spannende Parallelwelten sein, ein Ausflug zur Orten zwischen berühmt und geheim, zwischen Touristenmagnet und abstoßendem Schandfleck. Die Rede ist natürlich von sogenannten Lost Places – vergessenen Orten. Einige davon stellt der Autor in seinem Buch vor, gibt Tipps und Tricks rund um die Fotografie, empfiehlt nützliches Equipment an diesen Orten und thematisiert die Welt der Bildbearbeitung. Das Buch „Fotografie Lost Places“ ist nahezu die Ergänzung oder Überarbeitung zu Dombrows Version „Shooting Lost Places“ aus dem Jahr 2014. Auch in seinem aktuellen Werk lässt der hauptberufliche Locationscout und Fotoproducer den interessierten Hobbyfotografen über die Schulter schauen.

Auf den Leser warten 14 ausführliche Kapitel. Dombrow beginnt mit der Definition, warum jene aufgegebenen Orte so interessant für eine immer größer werdende Fangemeinde werden und vor allem was deren Faszination für Fotografen ausmacht. Denn was für viele nur Schandflecke sind, wird für Fotografen, Historiker, Werbetreibende und Neugierige immer populärer. Löblich im ersten Kapitel ist die Aussage des Autors, dass man für morbide, mystische und ästhetische Motive die Bundesrepublik nicht verlassen muss. Denn das europäische Ausland entwickelte sich über die Jahre immer mehr zu einem Mekka für Fans des Maroden, obwohl es in heimischen Gefilden mehr zu fotografieren gibt, als der Großteil denkt. Heimische Jäger und Sammler der Motive von Lost Places benötigen vor der ersten Blende eine hohe Recherchebereitschaft. Nur wenige sehen sich dazu in der Lage, aus den unterschiedlichsten Gründen. Doch dies ist ein anderes Thema.

Dombrow möchte den Hobbyfotografen motivieren, egal bei welcher Lichtstimmung und Jahreszeit nicht den Kopf in den Sand zu stecken, sondern vielmehr bei Aufnahmen, die vor Ort nicht so gut gelungen wirken, am heimischen Computer mit bestimmten Bildbearbeitungstechniken den richtigen Feinschliff anzuwenden. Etwas altmodisch kommt die Kategorisierung der unterschiedlichen Sicht- und Gestaltungsweisen der Lost-Place-Fotografen daher. Auch fehlt im Buch gänzlich die kritische Auseinandersetzung mit der „Urban-Explorer-Szene“, die in der Öffentlichkeit immer negativer wahrgenommen wird – auch wenn dieses sensible und ausführliche Thema für viele nicht in einen Fotografie-Ratgeber gehört.

Interessant – oder besonders für Einsteiger zu empfehlen, ist das Kapitel „Lex Urbex“. Dieses beschäftigt sich mit der rechtlichen Seite der Fotografie an und in Lost Places. Verlassene Gebäude haben immer einen Eigentümer, auch wenn diese oftmals nur schwer zu ermitteln sind. Solche Grundstücke sind keine rechtsfreien Räume. Das Betreten ohne entsprechende Genehmigung ist strafbar, wird aber in der Bundesrepublik nur auf Antrag verfolgt. Auch die Panoramafreiheit ist ein wichtiges und komplexes Thema. Der Autor beschreibt leicht nachvollziehbar die rechtlichen Gegebenheiten und mögliche Tücken. Auch in puncto Sicherheit des Fotografen werden dem Leser die wichtigsten Kriterien und Richtlinien aufgeführt, um das Abenteuer nicht zu einem Albtraum werden zu lassen. Denn in Lost Places verbergen sich nicht nur wunderbare Motive, sondern auch zahlreiche Gefahren.

Wer bei seinen fotografischen Streifzügen die sicher befestigten Pisten verlassen möchte, der sollte sich ausführlich mit den Themen Sicherheit und Equipment befassen. Das Kapitel „Gut gerüstet ins Abenteuer“ hält eine Vielzahl an Informationen bereit, damit gerade Einsteiger sich geistig, moralisch und technisch auf die nächste Exkursion vorbereiten können. Gerade bei der Wahl der Fotoausrüstung gibt es so viele Möglichkeiten, wie Einsatzgebiete. Hier sollte sich jeder bewusst sein, dass er nicht in einer klinisch sauberen Umgebung fotografiert, sondern an Orten mit teilweise massiver Kontamination. Gleiches gilt auch – wie der Autor logischerweise klarstellt – für Kleidung und diverse Hilfsmittel wie Lichtquellen.

Ein großer Bestandteil des Buches sind die Themen Motivplanung, Bildgestaltung, Bildbearbeitung und Bildverwertung. Diese „Big-Four“ gelten übrigens für alle Gebiete der Fotografie. Im Buch „Fotografie Lost Places“ konzentrieren sich Themen jedoch – logischerweise – auf Lost Places und vergleichbare Locations. Ob in RAW oder JPEG fotografiert wird, richtet sich danach, was schlussendlich mit dem Bild geschehen soll. Weil RAWs alle Bildinformationen ohne Kompression enthalten, sollte dieses Format immer auch neben einem JPEG gespeichert werden. Im Folgenden reißt der Autor den groben Fotografie-Workflow an, bespricht diverse Blitz- und Filtertechniken, Langzeitbelichtungen und alle wichtigen Handgriffe, um zu einem möglichst ordentlichen Bild zu kommen.

Das Thema HDR (High Gynamic Range, sprich Bilder mit hohem Dynamikumfang) findet ebenfalls Platz im Buch, auch wenn diese Technik trotz ihrer Detailschärfe – die bei vielen „Fotografen“ (gerade bei Pseudo-HDRs) extrem ausgereizt wird – immer mehr in der Versenkung verschwindet. HDR ist, wie bei allen anderen Dingen auch, Geschmacksache. Näheres zu diesem Thema finden Anhänger oder Interessierte im Kapitel „HDR Sandwiches“.

Wer sich nach den ersten Kapiteln rechtlich und fachlich aufgeklärt fühlt, auf den warten die Kapitel „Bootcamp“, „Orte der Erinnerung“, „Sagenwelten“ und „Vergessene Orte“. Hier ist exemplarisch alles Wissenswerte zum Finden lohnender Fotolocations, dem Verhalten an jenen Orten sowie der richtigen Motivwahl angerissen. Dem themenfremden Interessierten wird es nach dem Studium dieser Rubriken möglich sein, die breite Palette an Objekten oder Locations eigenständig zu finden und auch brauchbare Ergebnisse zu fertigen. Fakt aber ist: Oftmals ist eine zeitintensive Suche im Internet nicht notwendig. Wer mit offenen Augen durch den Heimat- oder Nachbarort wandelt, findet so manche verwunsche Orte rechts und links des Weges. Wer einige Tourerlebnisse des Autors zumindest analog nachlesen möchte, findet in „Urbex Expeditionen“ einige feine, aber für Fotografen größtenteils kostenpflichtige Destinationen.

Schade sind die teilweise dürftigen Recherchen des Autors. Es wirkt an einigen Stellen so, als wären Inhalte aus dem 2014er-Buch ungeprüft übernommen worden. Da wären beispielsweise Webseiten und -portale, die es wie gedruckt heute so nicht mehr oder nur verändert gibt. Die Kampagne „Urbexers against Vandalism“ wurde zwei Jahre vor dem Erscheinen von „Fotografie Lost Places“ eingestellt. Auch das in den Jagdgründen versprochene Interview mit dem Fotografen Marc Mielzarjewicz sucht man im Buch vergebens. Alles in allem ist „Fotografie Lost Places“ von Charlie Dombrow jedoch ein lohnendes Werk für Hobbyfotografen, die in das Thema tiefer einsteigen wollen. Jene, die ihre ersten Schritte in der Lost-Places-Fotografie gemacht haben und die den geistigen sowie fachlichen Horizont erweitern möchten.

Charlie Dombrow – Fotografie Lost Places
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Franzis Verlag
ISBN: 978-3645605144
Preis: 29,95 EUR

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