Burg Vischering: Neue Gebäudefundamente entdeckt

Die malerische Anlage von Burg Vischering aus der Luft. Im gemeinsamen Hausteich liegen links unten die Vorburg mit Bauhaus und Wirtschaftsgebäuden und oben rechts die Hauptburg. Foto: LWL/R. Klostermann
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Coesfeld (lwl). Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) entdeckten auf der Burg Vischering bisher unbekannte Gebäudefundamente. Diese reichen zurück bis ins 12. Jahrhundert. Damit wäre erstmals der Nachweis erbracht, dass die Burg im Kern auf eine hochmittelalterliche Anlage zurückgeht. Im Rahmen des Projekts „Regionale 2016 – WasserBurgenWelten“ des Kreises Coesfeld und der Stadt Lüdinghausen wird zurzeit die bischöfliche Burg Vischering restauriert. Rechtzeitig vor der geplanten Neueröffnung am Sonntag (4.2.) beendeten die LWL-Archäologen nun ihre Arbeit.

Burg Vischering gehört zu den ältesten und besterhaltenen Schlössern und Burgen des Münsterlandes. Ihr heutiges Erscheinungsbild verdankt sie zum Großteil ihrem Wiederaufbau im Stil der Renaissance nach einem verheerenden Brand im Jahr 1521. Markantestes Element der Hauptburg ist bis heute ihr rund 1,60 Meter starker Mauerring. Dieser war ursprünglich zehn Meter hoch und wird heute wie vor 800 Jahren von einem Hausteich umspült.

Bisher war wenig bekannt über die innere Bebauung der Hauptburg zur Zeit ihrer Errichtung im späten Mittelalter. Näheres konnten LWL-Archäologen jetzt anhand baulicher Überreste herausfinden. Diese lagen bis heute gut geschützt in der Erde und wurden nun überall dort freigelegt, wo Bodeneingriffe im Zuge der Restaurierung nötig waren. Dabei fanden die Archäologen zahlreiche neue Spuren aus der Vergangenheit. „An vielen Stellen der Haupt- und Vorburg sind wir auf alte Fundamente gestoßen“, erklärt Wolfram Essling-Wintzer, wissenschaftlicher Referent der LWL-Archäologie für Westfalen. „Dies zeigt, dass die Baugeschichte von Burg Vischering viel facettenreicher ist, als die lückenhafte archivalische Überlieferung bisher erahnen ließ.“

Besonders spannend ist der Fund eines auf solidem Pfahlrost errichteten, knapp zwei Meter breiten Bruchsteinfundaments. Es wurde in einer Tiefe von knapp einem Meter unterhalb der heutigen Pflasteroberfläche im Innenhof der Hauptburg freigelegt. Die Grundmauern gehörten zu einem rechteckigen Steingebäude, das mit Seitenlängen von etwa zehn Metern im Ostteil der Hauptburg lag. „Von größtem Interesse ist für uns die Frage nach dessen Datierung“, erklärt Essling-Wintzer. Aus der zugehörigen Baugrube stammen Keramikscherben des 12. Jahrhunderts. „Sollte sich diese zeitliche Einordnung im Zuge der Untersuchung der Bauhölzer bestätigen, ist erstmals der Nachweis dafür erbracht, dass Burg Vischering im Kern auf eine hochmittelalterliche Anlage zurückgeht“, meint Essling-Wintzer. Damit existierte an dieser Stelle schon lange vor der ersten urkundlichen Erwähnung im Jahr 1271 eine Burg.

Der bischöflichen Anlage des späten Mittelalters lassen sich drei weitere, bisher unbekannte Fundamentzüge im südwestlichen Teil der Hauptburg zuordnen. Hierbei handelt es sich wohl um Überreste eines Treppenturmes, der zu einem Vorgänger des noch heute erhaltenen Westflügels gehört haben muss. Über ihn liegen bisher nur wenige urkundliche Belege vor. Ein Vertrag aus dem Jahre 1414 erwähnt bezüglich der Bebauung der Hauptburg nur zwei Steinhäuser und einen Bergfried.

Darüber hinaus konnten die LWL-Archäologen nachweisen, dass die Hauptburg des 13. Jahrhunderts ursprünglich über einem runden bzw. leicht eiförmigen Grundriss errichtet wurde. Erst im Zuge des Wiederaufbaues nach dem Brand entstand die rechtwinklige Bauformation im Südostteil der Hauptburg. Offenbar entsprachen die beengten spätmittelalterlichen Verhältnisse nicht mehr den Repräsentationsbedürfnissen zur Zeit der Renaissance, als man den neuen Südflügel samt großzügig bemessenem Rittersaal erbaute.

Ebenfalls erst aus dem fortgeschrittenen 16. Jahrhundert stammt ein weiteres bisher unbekanntes Gebäude, von dem nun der verschüttete Keller ausgegraben werden konnte. Er liegt im Ostteil des Burghofs und misst etwa sieben mal drei Meter. Sein vollständig erhaltener Fußboden aus Sandsteinplatten liegt gut 1,40 Meter unterhalb der heutigen Hofoberfläche. Über ihm lässt sich ein mindestens zweistöckiges, an die Ringmauer angebautes Gebäude rekonstruieren, das man bereits im 17. Jahrhundert wieder abbrach.

Nach Abschluss der Grabungsarbeiten steht bei den LWL-Archäologen nun die Auswertung der Ergebnisse an, damit auch die Besucher des in Kürze eröffnenden Münsterlandmuseums auf Burg Vischering Einblick in die lange und wechselvolle Geschichte dieses bemerkenswerten Denkmals erhalten.

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André Winternitz, Jahrgang 1977, ist freier Journalist und Redakteur, lebt und arbeitet in Schloß Holte-Stukenbrock. Neben der Verantwortung für das Onlinemagazin rottenplaces.de und das vierteljährlich erscheinende „rottenplaces Magazin“ schreibt er für verschiedene, überregionale Medien. Winternitz macht sich stark für die Akzeptanz verlassener Bauwerke, den Denkmalschutz und die Industriekultur.

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