Bagger nagen am historischen Textilkontor

In dieser Woche werden die Abbrucharbeiten am 1912 erbauten historischen Textilkontor der „Deutschen Einkaufsgenossenschaft für Kurz-, Weiss- und Wollwaren“ in Erfurt abgeschlossen sein. Der marode, aber doch imposant anmutende Riesenbau, der viele Jahre das Quartier rund um die Theodor-Neubauer- und Werner-Uhlworm-Straße geprägt hatte und für dessen Erhalt sich Erfurter Denkmalpfleger stark gemacht hatten, galt als einer der größten Stahlbetonbauten Erfurts. Seit Jahrzehnten gab es keine tragfähigen Nutzungskonzepte, trotzdem wurde (leider nur) von einigen wenigen Erfurtern gegen einen Abbruch argumentiert – mit dem Verweis auf die Industrie- und Genossenschaftsgeschichte.

Eine Stuttgarter Immobilienfirma, der das Grundstück gehört, hatte kürzlich den Abbruch beantragt um dort neue Wohngebäude zu bauen. Ein Umbau des Kontors in Wohngebäude war wegen der vorliegenden Gebäudetiefe sowie Erschließungs- und Belichtungsproblemen verworfen worden. Auch das Investitionsvolumen wäre dafür – laut Eigentümer – zu hoch gewesen. Die mit dem Abbruch beauftragte Kirchner GmbH setzte für die mächtigen Stahlbetonelemente einen Pulverisierer ein, der sich Stück für Stück durch das „Stadtschloss“ – wie einige Erfurter das Gebäude liebevoll nannten – fraß.

Über die Jahre wurde immer wieder ein Abbruch diskutiert. Während der Stadtplanung und Politik aufgrund der Belastung für umliegende Wohungen das Gebäude lange ein Dorn im Auge war, einige Erfurter das Kontor gerne in ein Stadtmuseum umgewandelt hatten, trugen Denkmalpfleger zahlreiche Gründe für einen Erhalt vor – doch vergebens. Nun ist ein weiteres Kapitel der Erfurter Industriegeschichte geschlossen worden.

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André Winternitz, Jahrgang 1977, ist freier Journalist und Redakteur, lebt und arbeitet in Schloß Holte-Stukenbrock. Neben der Verantwortung für das Onlinemagazin rottenplaces.de und das vierteljährlich erscheinende "rottenplaces Magazin" schreibt er für verschiedene, überregionale Medien. Winternitz macht sich stark für die Akzeptanz verlassener Bauwerke, den Denkmalschutz und die Industriekultur.

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