Ausgrabungen an der Detmolder Straße haben begonnen

Während des Oberbodenabtrags im August zieht ein Bagger im Bereich des Baufeldes die obersten Erdschichten ab - darunter kamen die ersten archäologischen Befunde zum Vorschein, die nun näher untersucht werden. Foto: B. Grundmann/LWL-AfW

Steinheim (lwl/aw). Im Rahmen des geplanten Neubaugebiets „Quartier Detmolder Straße“ untersuchen ab dieser Woche Archäologen unter der Leitung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) das Baufeld zweier neuer Wohnhäuser an der Kreuzung Detmolder Straße/Wallstraße in Steinheim (Kreis Höxter). Erste Probegrabungen hatten ergeben, dass auf dem Gelände Mauern und andere Siedlungsspuren aus dem Mittelalter unter der Erde liegen.

Die Baumaßnahmen werden innerhalb der historischen Altstadt in den Boden eingreifen. Fachleute der LWL-Archäologie für Westfalen haben daher eine Voruntersuchung durchgeführt und den Oberboden abgetragen. „Dabei werden die obersten Dezimeter des Erdreiches abgenommen, um zu kläären, wie die darunter vermuteten, archäologisch wichtigen Schichten erhalten sind“, erläutert LWL-Archäologe Andreas Wunschel. „Die Menge und Qualität der aufgedeckten Befunde hat uns tatsächlich überrascht.“

Insbesondere im nördlichen Bereich stießen die Forscher auf mehrere Gruben. Die bislang geborgenen Scherben von Keramikgefäßen deuten darauf hin, dass diese Gruben zum Teil vor 1.000 Jahren verfüllt worden sind. „Ob es sich um reine Vorrats- oder Abfallgruben handelt, oder ob sogar ehemalige Grubenhäuser hinter den Erdverfärbungen stecken, werden die weiteren Untersuchungen zeigen“, erklärt Grabungsleiterin Marianne Moser. Grubenhäuser waren während des Mittelalters eine beliebte, in den Boden eingetiefte Hausform, in der vor allem Handwerk betrieben wurde. Heute sind von den ehemaligen Gebäuden nur noch die verfüllten Gruben vorhanden.

Auch die jüngeren Befunde lassen tiefe Einblicke in die Stadtgeschichte Steinheims zu. Über die gesamte Fläche entdeckten die Archäologen Reste von Mauern und Fundamenten. Dazwischen liegen auch sogenannte Ausbruchgräben: Sie entstehen, wenn bei einem Gebäudeumbau oder Abriss gezielt Mauersteine entnommen werden, um sie an anderer Stelle erneut zu verbauen. Das Mauerwerk und mehrere Fundamentreste gehören zu Gebäuden, die vermutlich noch im 19. Jahrhundert bestanden. Dagegen deuten die Ausbruchgräben auf eine ältere Vorgängerbebauung hin. Eines der ehemaligen Gebäude besaß einen Steinplattenfußboden. Ein anderes Haus verfügte über einen eigenen Brunnen aus Bruchsteinen.

Wie der Straßenname „Wallstraße“ noch heute verrät, verlief einst in direkter Nähe des Baugebietes die mittelalterliche Stadtbefestigung Steinheims. Auch der Ortskern mit seiner Pfarrkirche, deren Gründung vermutlich noch bis ins 8. Jahrhundert zurückgeht, liegt nur 150 Meter entfernt. Historische Überlieferungen lassen auf den seit dem Spätmittelalter existierenden Adelssitz Pohlhof schließen, der sich hier einst befand und eventuell mit aufgedeckten Befunden in Verbindung gebracht werden kann. Diese Kenntnisse waren für die Mittelalterexperten der LWL-Archäologie für Westfalen der entscheidende Anlass für die Voruntersuchung und die jetzige Ausgrabung.

Bevor die mittelalterlichen Spuren der Baggerschaufel und der Neubebauung des Areals endgültig weichen müssen, werden sie von den Archäologen einer Fachfirma vermessen, fotografiert, gezeichnet und beschrieben. Dabei kommen modernste Methoden zum Einsatz: Drohnen fertigen Luftbilder an, die am Computer entzerrt und dann wie Pläne verwendet werden können. Aus einer Vielzahl von Fotos entstehen digitale 3-D-Modelle. So bleiben die Relikte aus der facettenreichen Vergangenheit Steinheims als maßgenaue Abbilder erhalten.

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